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Kultur: Von der  Unmöglichkeit, das Ich zu  finden

Kultur : Von der  Unmöglichkeit, das Ich zu  finden

Peter Stamm war Gast beim Eifel Literatur Festival.

„Sie besucht mich oft, meist kommt sie in der Nacht. Dann steht sie neben meinem Bett, schaut auf mich herunter und sagt, alt bist du geworden.“

Peter Stamms Themen sind immer dieselben, die er geradezu kammermusikalisch variiert und deren Leitmotive er immer neu aufnimmt. In den Erzählungen und Romanen des Schweizer Autors, der zu den wichtigsten seines Landes gerechnet wird, geht es um die Unmöglichkeit der Liebe, das Unvermögen zwischenmenschlicher Bindung und Verständigung, um Glücksvorstellungen und Erinnerungen, die der Wirklichkeit nicht standhalten. Es geht um das Leben als Inszenierung und die Austauschbarkeit der Rollen darin. Und nicht zuletzt geht es um die Janusköpfigkeit der menschlichen Existenz, die nach vorne strebt und doch das Erinnern nicht lassen kann. Am Freitag war der Schriftsteller in Prüm beim Eifel Literatur Festival zu Gast.

Knapp, unprätentiös, fast spröde ist Stamms Prosa, dabei ungeheuer präzise. In wenigen Worten schafft sie Szenarien und bringt Befindlichkeiten und Stimmungen auf den Punkt. Wie seine literarischen Erzähler, präsentiert sich auch der Autor in der vollen Halle der ehemaligen Hauptschule in Prüm. Was Wunder: „Stil ist die Persönlichkeit des Autors“, weiß Stamm. Direkt und mit eidgenössischer Nüchternheit antwortet er im Gespräch mit Festival Chef Josef Zierden. Phrasen und Binsenweisheiten sind seine Sache nun mal nicht. Erfrischend wirkt die nachdenkliche Distanz, die Stamm zum eigenen Tun hat.

Selbstbewusst wirkt er, aber nicht selbstbeweihräuchernd. Das Schreiben verlange von ihm keine besondere Disziplin, stellt er fest. Es sei ihm einfach eine Freude. Als Spätberufener mag sich der 55-Jährige nicht sehen, der zunächst mehrere Ausbildungen und Studiengänge begonnen hatte und zeitweise als Buchhalter arbeitete. Für den Erfolgsautor, der mit seinem Roman „Agnes“ den Durchbruch schaffte, sind solcherart Welterfahrung und Lebenspraxis der Stoff, aus dem seine Bücher sind. Nicht dass er autobiografisch erzählte. „In meinem Beruf und meinen Tätigkeiten habe ich mein schriftstellerisches Wissen und meine Erfahrung gesammelt“ sagt Stamm. „Ich stecke in allem drin.“

Unentschieden und damit am Ende verlassen ist häufig das männliche Personal seines literarischen Werks. Da geht es in der Literatur wie im Theater. Unentschlossene, ziellos umherirrende Menschen seien nun mal literarisch ergiebiger, weiß der Autor. Unentschlossen ist auch der Protagonist in Stamms neuem Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“, der mit dem Eingangszitat beginnt und aus dem der Autor zu Beginn des Abends liest. Stamm ist ein Meister der Einführung. Seine Eröffnungen sind häufig bereits Resümee.

In seinem jüngsten Werk, das zahlreiche Verweise auf frühere Arbeiten enthält, knüpft Stamm an seinen Roman „Agnes“ an. Es ist das alte Thema des Doppelgängers als Sinnbild einer gebrochenen Identität, das hier am Beispiel des Schriftstellers Christoph und seiner großen Liebe, der Schauspielerin Magdalena, verhandelt wird. In Schweden trifft der gealterte Christoph die junge Lena, die ebenfalls Schauspielerin ist und deren Freund Chis das Buch schreibt, das Christophs Buch ist. Wer bin ich, wer war ich, und wer und was hätte ich sein können? Die existentiellsten aller Fragen verwebt Stamm zu einem beklemmenden Verwirrspiel aus Erinnerung, Traum und aktueller Wirklichkeit. „Jeder hat seine Lesart, jeder liest anders“, sagt Stamm. Sein neuer Roman ist geradezu eine Aufforderung, ihn als Echolot ins eigene Innere zu betrachten. Man mag dann zu dem Ergebnis kommen, dass Stamms Figuren nahelegen: Die Unmöglichkeit der Liebe und der Bindung ist im eigenen Ich begründet, in den eigenen, nur im Traum überwindbaren Schwellen, vielleicht auch in der mangelnden Kraft der Sehnsucht. Zum Ende signiert der Autor seinem begeistertem Publikum die mitgebrachten Bücher.