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Von einem armen Land mit reicher Literatur

Von einem armen Land mit reicher Literatur

Mit dem Erdbeben vor genau fünf Jahren ist der bitterarme Karibikstaat Haiti urplötzlich in den Blick des Westens gerückt. Und mit ihm auch seine reichhaltige Kultur. Peter Trier hat einen Verlag speziell für haitianische Literatur gegründet und sich als Übersetzer vom Standort Trier aus in der Fachwelt einen Namen gemacht.

Noch immer gibt es keine funktionstüchtige Regierung in Haiti; angesichts von 150 Parteien wohl auch ein aussichtsloses Unterfangen. Präsident Michel Martelly, einst Karnevalsmusiker, Nachtclubtänzer und Bauarbeiter, hat das Land kaum im Griff. Finanziell hängt es am Gängelband der Staatengemeinschaft.
Der Karibikstaat ist bitterarm, und auch die Hilfe der westlichen Hilfsorganisationen nach dem verheerenden Erdbeben vor fünf Jahren hat daran kaum etwas geändert. Damals starben mehr als 220 000 Menschen, rund zwei Millionen wurden obdachlos. Da scheint wenig Raum für kulturelles Leben und Literatur zu bleiben. Doch die erste Republik von Schwarzen hat eine beeindruckende Vielfalt, gerade unter Schriftstellern, entwickelt.
Der Übersetzer Peter Trier hat dies schon 2006 erkannt und den Verlag Litradukt speziell für haitianische Autoren gegründet. Hervorgegangen aus der Idee einer Plattform für französischsprachige Literatur hat der Verlag bislang zehn Werke von Autoren aus Haiti übersetzt und publiziert.Guter Nährboden


"Das Land ist seit seiner Unabhängigkeit 1804 mit allem Unglück geschlagen, da erstaunt es mich umso mehr, dass es eine so reiche Kultur hat", sagt Trier fasziniert. "Scheinbar ist diese wechselvolle Geschichte ein guter Nährboden für gute Literatur."
Der Übersetzer - inzwischen mit Standort in Trier - gilt zwar als einziger Spezialverlag für haitianische Literatur in Deutschland. Er selbst war jedoch noch nie dort. "Haiti ist leider kein klassisches Urlaubsland für Touristen. Da muss man in Obhut genommen werden. Und das hat sich noch nicht ergeben", sagt der Vater zweier Kinder.
Und so schätzt der 45-Jährige aus der geografischen Ferne die skurrilen, teils surrealistischen Episoden von Autoren wie Georges Anglade, dessen Erzählungen in "Das Lachen Haitis" Platz zwei der Litprom-Bestenliste "Weltempfänger" erklommen haben. Auch mit Louis-Philippe Dalembert, Kettly Mars und Gary Victor hat es Peter Trier als Übersetzer in die Bestenliste für Literaturübersetzungen, ausgelobt von Kritikern, Schriftstellern und Kulturjournalisten, geschafft.
Solche Auszeichnungen ehren ihn, ermöglichen es aber auch, mit dem kleinen Verlag, der inzwischen auf den Namen seiner Frau Manuela Zeilinger-Trier läuft, aus der Masse hervorzutreten. "Als Nobody in der Branche ist es schwer, in der überregionalen und Fachpresse besprochen zu werden", sagt Peter Trier.
Doch dies ist ihm erstaunlich gut gelungen. Ob Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Zeit, Deutschlandradio Kultur oder Neue Zürcher Zeitung - nicht selten wird Trier Anerkennung für seine "glänzende Übersetzung" gezollt. So erfährt der deutschsprachige Leser von Haitis Leid in Jahren der Diktatur, vom Exil vieler Haitianer, der Rückkehr in ein korruptes, vom US-Imperialismus zerrüttetes Land, von Familien, die im Elend zu versinken drohen und von Bräuchen wie dem Voodoo-Kult, dem übermäßigen Rum-Konsum und dem Talent, aus jeder Katastrophe das Beste zu machen.
Peter Triers berufliche Karriere führte ihn übers Studium in Bonn, als Lektor für den Deutschen Akademischen Austauschdienst im französischen Clermant-Ferrand, über Münster und als Sprachlehrer fürs Bundessprachenamt in Kehl als technischer Übersetzer 2008 an die Mosel. Zu Beginn setzte er auf das digitale und kostengünstigere Books-On-Demand-Verfahren, um sein Risiko des Lagerbestands so gering wie möglich zu halten. Nun hat er sich eine kleine, aber treue Stammleserschaft herangezogen.
Erstmals mit dem Titel "Fado" der Autorin Kettly Mars hat er im Auflagendruck 1500 Exemplare hergestellt. Dank der Aufnahme von Gary Victors "Schweinezeiten", die auf der Krimi-Bestenliste der Zeit im Februar 2014 standen, konnte er nochmals mehr Bücher verkaufen. Inzwischen gilt der Trierer Übersetzer als Experte, wird für Kongresse von Universitäten und Instituten zu Rate gezogen. In diesem Jahr sind bereits zwei übersetzte Romane aus Haiti erschienen: "Soro", der zweite Voodoo-Krimi von Gary Victor, einem der bekanntesten Autoren haitianischer Gegenwartsliteratur, sowie "Der Zwang des Unvollendeten" von Anthony Phelps. Victors Krimi ist ein spannender Thriller rund um das Erdbeben von 2010. Phelps setzt sich poetisch mit seiner Hauptfigur, einem Schriftsteller, auseinander, der nach 25 Jahren Exil in seine Heimat zurückkehrt. Es geht um Illusion und Wirklichkeit, um glückliche Erinnerungen an die Jugend in einem Land, das es so nie gegeben hat.

Peter Trier ist derzeit auf Lesereise mit Anthony Phelps. Am Montag, 11. Mai, 19 Uhr, kommen sie nach Trier in die Volkshochschule. Der Eintritt ist frei.