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Von einem, der auszog, Architektur weiterzudenken

Von einem, der auszog, Architektur weiterzudenken

Heute wird Gottfried Böhm 90 Jahre alt. Der Kölner Baumeister, der auch in der Region tätig war, gehört zu den herausragenden Architekturpersönlichkeiten dieser Zeit.

Trier. (er) Lange Zeit war er nicht sicher, ob er Architekt oder Bildhauer werden sollte. Auch wenn sich Gottfried Böhm am Ende für die Baukunst entschied, so hat er dennoch die Bildhauerei nie aufgegeben. Nicht nur, dass er sich selbst immer wieder bildhauerisch betätigte. Viele seiner herausragenden Bauten gleichen gigantischen Skulpturen, so wie die berühmte Wallfahrtskirche Maria Königin im Frieden im bergischen Neviges. Mit dem Kristall aus Beton, der Rathaus-Burg in Bensberg und dem Stuttgarter Züblin-Bau hat der weißhaarige Mann Architekturgeschichte geschrieben. Als bislang einzigem deutschem Architekten haben ihm die drei Projekte 1986 den Pritzker-Preis eingebracht. Dieser Preis, der 1979 vom Eigentümer der Hyatt-Hotelkette, Jay A. Pritzker, gestiftet wurde, gilt weltweit als renommiertester Architekturpreis.

Der gemeinhin als wortkarg geltende Baumeister ist nicht nur einer der bedeutendsten, sondern auch einer der einfallsreichsten Architekten dieser Zeit. Seinen schier unerschöpflichen Einfällen ist der fast endlos formbare, den Raum überspannende Beton ein ideales Material. Aber auch aus Glas und Stahl schaffte er hinreißende Bauten. "Ich habe niemals einen Architekten mit so viel Phantasie erlebt, wie Gottfried Böhm" erinnert sich der Trierer FH-Architekturprofessor Günter Kleinjohann. 1920 wird Böhm als Sohn des berühmten Kirchenbaumeisters Domenikus Böhm in Offenbach geboren. In München studiert er Architektur und Bildhauerei. Ein vielfältiges Werk beginnt, dessen Schöpfer sich immer wieder neu zu erfinden scheint und das fast 500 Projekte umfasst.

Auch wenn sich Stil und Mittel verändern, in einem bleibt sich der leidenschaftliche Zeichner treu. Der Mensch steht im Mittelpunkt seiner Planungen und baukünstlerischen Erwägungen.

Auch in der Trierer Region hat Gottfried Böhm zahlreiche Spuren hinterlassen und markante Zeichen gesetzt. Zum ersten Mal taucht sein Name 1956 in Prüm auf dem Entwurf eines nicht gebauten Knabenkonvikts und dem Neubau der Sparkasse auf. Zum Zug kommt er dagegen bei der Trierer Kirche Heiligkreuz (1958-74).

"Man muss einen Bau weiterdenken", lautet das denkmalpflegerische Credo des gleichwohl traditionsbewussten Baumeisters. Wie solches Weiterdenken aussieht, belegt eindrücklich Böhms Arbeit an der Trierer Abtei St. Maximin (1989-95). Unbestritten ist die architektonische Leistung Böhms in der Wiedergewinnung der lichtdurchfluteten mittelalterlichen Kirchenhalle. Ganz diskret bleiben die Einbauten. "Das kann ich nicht besser", sagte er bescheiden, "lasst das so, schützt mit Netzen, wenn es etwas zu schützen oder zu trennen gibt, aber verbaut den Raum nicht mehr". So erinnert sich Alois Peitz, der damals Chef der Bischöflichen Denkmalpflege war. Nicht anders bei der Domrenovierung (1968-75), für die Böhm gemeinsam mit seinem Kollegen Nikolaus Rosiny beauftragt war. Als dort die historischen Mauerwerkstrukturen bis ins 4. Jahrhundert sichtbar wurden, entschloss sich der begeisterte Böhm "die Geschichte sichtbar zu lassen" und aus Respekt vor ihr die Oberfläche nur mit einer Schlämme zu behandeln. Böhms Gefühl für Fassadenrhythmus und Farbgebung verdeutlicht in Trier der ansonsten wenig augenfällige Bau seiner "Agentur für Arbeit" (1991-92). Wenig hat Böhm im Ausland gebaut.

Im benachbarten Luxemburg steht seine nur im Innenraum gelungene Deutsche Bank. Inzwischen sind dem Böhm'schen Architekten-Team seine Ehefrau Elisabeth und drei Söhne zugewachsen. Der Altmeister Gottfried hat nun Zeit, sich aufs Wesentliche zu beschränken.