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Von Ellbögen und Wuhan-Shake: Begrüßungen in Zeiten von Corona

Begrüßungen in Corona-Zeiten : Noch hilflos ohne Händedruck oder schon glücklich mit Indianergruß?

Die Corona-Krise zwingt die Gesellschaft, neue Begrüßungsrituale zu finden. Nicht alle sind gelungen. Und schon vorher war es kompliziert, findet unsere Autorin. Ein Essay.

O nein! Nicht die Hand!!! Da hatten diese beiden Männer monatelang über nichts anderes nachgedacht als über Hygienekonzepte für Olympia. Und dann stehen sie da in Tokio vor laufenden Kameras und machen so was: Der japanische Premier kommt forschen Schrittes auf IOC-Präsident Thomas Bach zugelaufen, hält inne, verbeugt sich. Und der Zuschauer denkt: Respekt, Alter! Coole Idee, so ’ne Verbeugung! Ganz schön gediegen und dabei total coronakonform.

Doch dann passiert es. Zackig streckt der Japaner dem Deutschen die Hand hin. Bach guckt und stutzt. Der Zuschauer zuckt. Und schämt sich fremd. Das ist schlimmer als Mr. Bean, der in der Kirche ein Bonbon auspackt. Selbst schlimmer als Mister Bean ohne Badebux. Denn das da passiert ja echt!

Ja, ist es denn so schwierig?! Da reden die monatelang über Impfen, Testen und Hygiene! Kann man da nicht eine Sekunde lang drüber nachdenken, wie man sich begrüßt, wenn die ganze Welt zuguckt?

Der Premier bemerkt seinen Patzer und ballt die Faust, während Bachs linker Ellbogen auf ihn zuzuckt und ins Leere zielt. Blitzschnell ändert Bach die Taktik, ballt ebenfalls die Rechte zur Faust. Unbeholfen prallen die Handrücken aufeinander. Gequältes Lächeln unter Masken. Der Abstand zwischen den beiden: keine drei Balllängen. Virologen wedeln mit der gelben Karte.

Aber gut. Immerhin haben die beiden uns den Ententanz erspart, der sich zum neuen Klassiker unter den Begrüßungen entwickelt. Bilder von seriösen Herren in dunklen Anzügen, die mit den Ellbogen aufeinander zuwackeln. Skurrile Szenen einer Gesellschaft, die von Corona ihres Regelwerks beraubt wurde. Einer Gesellschaft, die verzweifelt nach neuen Formen der Höflichkeit sucht, nach neuen Gesten des Friedens und des gegenseitigen Respekts. Als wäre in Deutschland nicht vorher alles schon kompliziert genug gewesen.

In anderen Ländern sind Begrüßungen klar geregelt. In den Niederlanden zum Beispiel gibt ein Mann einem Mann die Hand und einer Frau drei Küsschen. „Kannst du mir bitte mal erklären, wie zur Hölle man sich in Deutschland begrüßt?“, hatte mein Mann mich gefragt, als er vor ein paar Jahren zu mir nach Deutschland zog.

Na klar. Null problemo, sagte ich und erklärte, was vor Corona normal war:  Also gute Freunde und Familienmitglieder werden herzhaft gedrückt. Es sei denn, sie wollen lieber Küsschen. Ich gebe immer nur zwei, auch wenn viele drei wollen, und fange mit der linken Wange an, auch wenn manche das lieber anders hätten und wir uns dann aus Versehen auf den Mund küssen.

Zu Bekannten und nicht ganz so guten Freunden kann man auch einfach „Ahoi“, „Mahlzeit“ oder „Unn?“ sagen, die Schulter tätscheln, auf einen Tisch klopfen oder winken.

Sehr schön und einfach sind im Vergleich berufliche Kontakte. Da sagte ich vor Corona höflich „Guten Tag“ und gab die Hand, immer und jedem, der das wollte. Ja, selbst privat schüttelte ich Hände. Das ganze Geschüttel kostete mich anfangs allerdings große Überwindung.

Wahrscheinlich, weil ich in meiner Jugend gelernt hatte, dass man sich maximal möglichst cool „Hi“ sagt. Oder zunickt. Und auf gar keinen Fall irgendetwas schüttelt. Das war megaspießig.

In der Zwischenzeit haben die Jugendlichen sich weniger minimalistische Jo-Alter-, Schulterhau-, Fingerhak-, High-Five- und Knöchelbox-Begrüßungen einfallen lassen, um nicht spießig zu sein. Aber dazu müsste mein Mann jemand anderen befragen. Ich bin nicht mehr cool. Ich schüttele. Oder besser: ich schüttelte. Und suche nun wie alle anderen nach spannenden neuen, coronakonformen Formen der Höflichkeit.

Am schönsten ist ja der galaktische Faustgruß für Kinder. Da kriegen die ganz große Augen. Der fängt an wie ein ganz normaler Faustgruß, nur dass man beim Aufeinanderprallen der Knöchel galaktische „pjiuh, pjiuh“-Geräusche macht, während die Hand von einem magischen Rückstoß ergriffen wird, die Finger sich himmelwärts spreizen und der Blick in ferne Galaxien schweift. Ein wirklich sehr, sehr schöner Gruß, solange man nicht daran denkt, wie oft sich Kinder den Schnuddel am Handrücken abwischen und was so durch die Luft fliegt, wenn alle „pjiuh, pjiuh“ rufen.

Dann wäre da der klassische Fuß-Gruß oder „Wuhan-Shake“, bei dem erst die rechten, dann die linken Fußspitzen zueinander geführt werden. Dieses Gehüpfe könnte für ungelenke Senioren allerdings tödlicher enden als jede Pandemie.

Lächeln finde ich generell super – vor allem dann, wenn man es sehen kann. Luftküsse hingegen sind mir zu manieriert, Namastes zu indisch, Kopfnicken zu kalt. Pobumps oder Beckenboogies macht man mit dem Unterleib. Das finde ich unprofessionell.

Besonders beliebt bleibt der begrüßende Ellbogen. Bietet er doch den bedeutenden Vorteil, hygienisch zu sein, da man mit ihm weder die (eigene) Nase noch andere gefährliche Körperteile berühren kann. Allerdings bestehen erhebliche ästhetische Bedenken. Es sei denn, man mag den Ententanz.

Mein Favorit daher: der Indianergruß. Wie bei Winnetou. Nur kräftiger und ohne Fransenhemd. Die rechte Hand schlägt aufs Herz, während man dem Gegenüber tief und ernst in die Augen schaut. Dann beschreibt die Hand mit ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger einen weiten Bogen gen Himmel, ehe sie zum Herz zurückwandert. Howgh.

11.11.2018, Frankreich, Paris: Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, begrüßt Bundeskanzlerin Angela Merkel im Elyseepalast. Zu einer Gedenkfeier anlässlich des Endes des Ersten Weltkriegs vor einhundert Jahren sind rund 60 Staats- und Regierungschefs in Paris. Foto: Thibault Camus/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa/Thibault Camus
16.11.2020, Japan, Tokio: Thomas Bach (l), Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), und Yoshihide Suga, Premierminister von Japan, begrüßen sich mit einer geballten Faust. Die wegen der Corona-Pandemie auf den Sommer 2021 verlegten Olympischen Spiele in Tokio sollen wie geplant ausgetragen werden. Foto: Kazuhiro Nogi/AFP Pool/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa/Kazuhiro Nogi
Vor zwei Jahren war die Welt noch ohne Virus: Der französische Präsident Emmanuel Macron begrüßt Bundeskanzlerin Angela Merkel im Élyséepalast mit Wangenkuss zur Gedenkfeier anlässlich des Endes des Ersten Weltkriegs im November 2018. Verwirrt sind Thomas Bach (Bild unten, links), Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), und Yoshihide Suga, Premierminister von Japan, die mit der corona-konformen Begrüßung noch ihre liebe Not hatten. Statt merkwürdiger Tänze plädiert Redakteurin Katharina de Mos dafür, sich – wie einst Winnetou – mit einem Indianergruß zu begrüßen. Foto: picture alliance / United Archives/dpa Picture-Alliance / United Archives/IFTN

Eine schlichte Verbeugung täte es natürlich auch. Man sollte sich nur einigen.