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Von empfindsam bis brachial

Von empfindsam bis brachial

Einen Nachmittag der Extreme hat der Pianist Dejan Lazic in Trier präsentiert. Der Rachmaninov-Spezialist und Echo-Klassik-2009-Preisträger begeisterte mit ausgefallenen Interpretationen.

Trier. Auf eine Klangreise ins romatische 19. Jahrhundert hat der Pianist Dejan Lazic seine Besucher im Rokokosaal des Kurfürstlichen Palais in Trier mitgenommen. Das Konzert im Rahmen des Moselmusik Festivals lebte von der Spannung zwischen eindrucksvollen Momenten sanften Klavierklangs und brachialer Bombastik.

Robert Schumanns eher selten gespielter Liederzyklus Waldszenen op. 82 bildete den Auftakt des Kammerkonzerts. Lazic fühlte sich tief in Schumanns Werk ein. Mal sanft, mal energetisch, mit lautmalerischer Kraft vertonte er die szenisch gehaltenen Lieder über den Wald. Besonders eindrucksvoll war Lazics Interpretation des Stücks "Verrufene Stelle", in der er der den Schrecken eines ungesühnten Verbrechens heraufbeschwört.

Dagegen waren Rachmaninovs Moments musiceaux op. 16 ein Feuerwerk expressiver Gefühlsausbrüche. Die sich ständig wiederholenden Schleifen steigerten sich zu einem brachialen Wutausbruch über die Beschränktheit der Ausdrucksmöglichkeiten des Klaviers. Mit geometrischer Genauigkeit fühlt Lazic Rachmaninov auf den Grund, spürt nach, wie das Unwetter hereinbricht und alles in die Tiefe reißt. Das musikalische Gemälde zeigt die Gewalt der Liebe wie zwei Enden einer Skala, mal aufstrebend schön in extreme Höhen, mal ohne Halt fallend in das tiefste Tal - wunderschön und perfekt interpretiert von Dejan Lazic.

Im zweiten Teil des Konzerts präsentierte Lazic, der in Zagreb geboren wurde und später in Salzburg am Mozarteum Klavier studierte, eine eher eigenwillige Interpretation von Chopins Andante Spinato, Grande Polonaise in Es-Dur op. 22, Sonata Nr. 2 in b-moll op. 35 und Scherzo Nr. 2 in b-moll op. 31. Die vorher gezeigte Kunst, Melodie und Rhythmus in Einklang zu bringen, gerät in der temporeichen Chopin-Darbietung zum Wettrennen über die Partitur. So geht teilweise Tiefenwirkung verloren. Doch es bringt auch einen Vorteil: Im Chopin-Jahr - der Komponist feiert 200.Geburtstag - ist eine solche Interpretation Alleinstellungsmerkmal.

Das Publikum dankt die Sprengung der Hörgewohnheiten mit langanhaltendem Applaus.