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Von Käferchens Mondfahrt

Gehen optimistisch in die Premiere: Regisseurin Jasmina Hadziahmetovic und Dirigent Victor Puhl (linkes Bild). Bei der Generalprobe in Aktion: Fritz Spengler, Johannes Preissinger (in der Titelpartie als Broucek) und Laszlo Lukacs (rechtes Bild, von links). TV-Fotos (2): Martin Möller, Vincenzo laera
Gehen optimistisch in die Premiere: Regisseurin Jasmina Hadziahmetovic und Dirigent Victor Puhl (linkes Bild). Bei der Generalprobe in Aktion: Fritz Spengler, Johannes Preissinger (in der Titelpartie als Broucek) und Laszlo Lukacs (rechtes Bild, von links). TV-Fotos (2): Martin Möller, Vincenzo laera FOTO: Martin Möller (mö) ("TV-Upload M?ller"
Trier. "Die Ausflüge des Herrn Broucek" - was, bitte ist das? Intendant Sibelius hat die weithin unbekannte Oper von Leos Janacek für das Trierer Theater ausgegraben. Und das Stück hat alle Chancen, dem aktuellen Spielplan eine Frischzellenkur zu verpassen. Am Samstag, 30. April, hat die Neuinszenierung Premiere. Martin Möller

Trier. Es ist ein Abbild des Alltags im 20. Jahrhundert mitsamt seinen chaotischen Ausfällen. Ein Liebespaar ergeht sich im Wechselbad zwischen Streit und Versöhnung. Im Wirtshaus besingen sie trinkfest die vergängliche Liebe. Und mitten im gutbürgerlichen Durcheinander steht der Herr Broucek - Hausbesitzer und ein ziemlich sympathischer Spießer. Der ertränkt seinen Ärger mit nichtzahlenden Mietern im Alkohol und malt sich volltrunken eine Szenerie aus, die nun wirklich Franz Kafka, den Poeten des Rätselhaften, und den handfesten Utopisten Jules Verne zusammenbringt.
Künstlerwelt aus Absurdistan


Broucek - zu deutsch übrigens Käferchen - reist zum Mond und erlebt dort eine Künstlerwelt aus Absurdistan: Mondmenschen, die ihre wahre, platonische Liebe preisen, sich von Düften ernähren und prompt in Ohnmacht fallen, wenn Broucek seine Schweinswürstchen auspackt. Auch wenn die Nebel aufsteigen und dahinter die Prager Realität von 1920 zum Vorschein kommt, ist Brouceks Ausflug noch lange nicht vorbei. Kaum hat sich der Vorhang im Theater wieder gehoben, findet er sich im Prag von 1420 wieder - zur Zeit der Hussitenkriege. Und erregt mit seiner Kleidung von 1888 heftigen Verdacht: Ein Spion? Vielleicht sogar der Antichrist persönlich?
Klar: So jemand gehört abgeschafft. Er soll in einem Fass verbrannt werden. Und nur, weil das brennende Fass zum Laternenlicht von 1920 mutiert, Wirt Würfl den stöhnenden Broucek im Bierfass findet und ihn weckt, geht die Geschichte gut aus.
Es passiert viel in den "Ausflügen des Herrn Broucek". Leos Janacek arbeitete an der Oper 16 Jahre, verschliss dabei etliche Textdichter und brachte das Werk schließlich 1920 in Prag zur mäßig erfolgreichen Uraufführung. Wahrscheinlich ließen sich aus diesem Stoffe auch zwei, drei Opernbücher schreiben.
Wie kann ein Theater diese Fülle an Assoziationen, diese Liaison aus ironisch getönter Utopie, handfester Satire und vaterländischem Bekenntnis vermitteln? "Reduktion", sagt Regisseurin Jasmina Hadziahmetovic. Die junge Frau mit dem akrobatischen Nachnamen hat unter anderem an der Komischen Oper Berlin die Choroper "Angst" des Trierers Christian Jost inszeniert und führt zum ersten Mal in Trier Regie. "Zuspitzung", ergänzt Triers Operndirektorin Katharina John. Im Kern sind es immer identische Personen, die alle drei Szenen bevölkern.
Musikalisch ist diese komö diantische Oper ein Schwergewicht. "Die Anforderungen an die Sänger sind extrem", sagt Dirigent Victor Puhl. Auch für das Orchester ist der "Broucek" kein Spaziergang. Vieles sei "ineinander komponiert" und "rhythmisch sehr komplex".
Sehnsucht nach richtigem Leben


So wie die Handlung. Im "Broucek" komme die Satire auf die Prager bürgerlichen Verhältnisse 1920 zusammen mit einer Suche nach der idealen Welt, sagt Jasmina Hadziahmetovic. Und vielleicht schwingt in der traumhaften Komik der Mondszene tatsächlich die Sehnsucht nach dem richtigen Leben mit.
Aber wie steht es dann mit der religiös-militaristischen Welt der Hussiten im zweiten Teil? Nein, sagt die Regisseurin, das sei von Janacek schon ganz unverstellt patriotisch gemeint - damals, 1920, als die Tschechen gerade die ungeliebte Donaumonarchie abgeschüttelt hatten.
Aber auch bei ihr und Katharina John klingt mit: In dieser Oper mit ihren zahlreichen Brechungen ist auch die Hussiten-Szene nicht so ernstzunehmen wie sie damals gemeint war.
Leos Janacek, "Die Ausflüge des Herrn Broucek". Dirigent Victor Puhl, Inzenierung Jasmina Hadziahmetovic, Ausstattung Paul Zoller/Valentin Köhler, Chor Angela Händel. Mit Johannes Preissinger, Aldo di Toro, Lukas Schmid, Talia Or in den Hauptrollen.
Es spielt das Philharmonische Orchester Trier.
Premiere am Samstag, 30. April, um 19.30 Uhr. Weitere Vorstellungen am 3., 6., 14., 20. und 22. Mai.

FOTO: (g_kultur