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Von Lederlatschen zu High Heels: Was Schuhe erzählen können.

Mode : Worauf wir stehen

Von Lederlatschen zu High Heels: Was Schuhe erzählen können.

Alles schon mal da gewesen, aber ganz anders: Wie sich unsere Schuhe im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben, zeigt das Buch „Step by Step. Schuh.Design im Wandel“ in eindrucksvollen Bildern. Und wenn die Zeiten wieder normal sind, können wir die Modelle in der gleichnamigen Ausstellung im Museum in Offenbach sehen. Hoffentlich bald.

Es finden sich alle darin. Fast alle. Die herrlichen Namen, die die Augen von Schuhliebhaberinnen und -liebhabern zum Glänzen bringen: Manolo Blahnik, Christian Louboutin, Salvatore Ferragamo, Jimmy Choo … Die Designer, die für ihre handwerklichen Meisterwerke berühmt sind, dürfen in einem Buch, das sich mit der Geschichte der Schuhe beschäftigt, natürlich nicht fehlen. „Step by Step. Schuh.Design im Wandel“ beschreibt, wie alles kam. Wie High Heels mit roten Sohlen und glitzernde Romy-Pumps – wie sie unter anderem Herzogin Kate besitzt – zu Kultobjekten und It-Pieces geworden sind. Wie die Serie „Sex and the City“ den Schuhkult voran brachte und wie die Modemacher auch zum Schuh-Macher geworden sind, weil der Schuh wie (Sonnen-)Brillen zum stylischen Accessoire geworden ist.

Das Buch erzählt von den Anfängen, als die Füße mit einfachen Konstrukten aus Naturmaterialien geschützt worden sind, über die Entwicklung der ersten Stiefel und Absätze bis hin zum modischen Must-have von heute. Die Texte erklären, die Fotos demonstrieren was handwerkliche Perfektion, anatomische Kenntnisse, neue Materialien und auch gesellschaftliche Einflüsse gebracht haben.

Zum Beispiel beschreibt es, wie das Wissen, dass linker und rechter Fuß eine andere Schuhform brauchen, um gesund zu bleiben, zwischendurch verloren ging. Für eine Reform sorgte 1858 der Frankfurter Anatom Georg Hermann von Meyer (1815-1892). Er erkannte, wie wichtig die Lage des großen Zehs ist, er nicht in eine Schuhform gepresst und damit deformiert werden darf. Die als „Meyersche Linie“ beschriebene Fußachse „revolutionierte das Schuhwesen“, heißt es in „Step by Step“.

Früher war eben nicht alles besser. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts galt es demnach als unschicklich, wenn Frauen ihre Zehen in offenen Schuhen gezeigt haben. Seit einigen Jahren machen sich sogar feministische Statements in der Schuhmode im wahrsten Sinne des Wortes breit. „Internationale Designer*innen wie Phoebe Philo (1973) für Céline adaptierten Anfang des 21. Jahrhunderts das Schuhmodell mit dem anatomisch angepassten Tieffußbett für ihre Laufsteg-Kollektionen und die globale Modeindustrie folgte ihnen. Célines (…) ,Furkenstocks‘ begründeten den sogenannten Ugly-Shoe-Trend und waren damit Teil einer größeren feministischen Strömung, die die Modewelt seit einigen Jahren dominiert‘“, schreibt eine der Autorinnen.

Die Modelle des rheinland-pfälzischen Traditionsunternehmens Birkenstock werden von vielen Stars getragen und sind längst international angekommen. Die deutsche Vogue berichtete über die letzte Birkenstock-Kampagne, für die sich kein geringerer als Manolo Blahnik und seine Nichte in den Birkenstock-Modellen Boston und Gizeh ablichten ließen.

Geht es höher, weiter, schneller?  Frauen (und Männer) dürfen es bequem haben und sind trotzdem cool. Mode und damit auch der Schuh sind zum politischen Statement geworden. Die Sneakers Nizza Pride von Adidas erinnerten 2019 mit ihren regenbogenfarbenen Sohlen an den Jahrestag der New Yorker Stonewall-Aufstände von 1969 zwischen Homo- und Transsexuellen und der Polizei – und sind zu sehen in „Step by Step“.

Die im Buch oder eigentlich im Katalog abgebildeten Modelle stammen aus dem Bestand des Deutschen Ledermuseums (DLM) in Offenbach, und sind Teil der gleichnamigen Ausstellung des Museums, die wegen der Coronakrise derzeit geschlossen ist. Wie lange, das weiß bekanntlich niemand. Bis Ende September sollte sie laufen.

Das DLM besitzt mehr als 30 000 Objekte, darunter 10 000 Schuhe, aus sechs Jahrtausenden und fünf Kontinenten. In der Sammlung befinden sich auch die berühmtesten deutschen Turnschuhe der vergangenen Jahrzehnte: Die Turnschuhe, die Joschka Fischer 1985 zur Vereidigung als hessischer Umweltminister der Grünen getragen hat. Damals ein Skandal. Heute sind Sneakers nicht wegzudenken und in „Step by Step“ fehlen natürlich die Klassiker wie die Chucks, Vans und Stan Smith von Adidas nicht. Eine der neuesten Erwerbungen des Museums ist ein größtenteils aus Plastikabfällen aus dem Meer hergestellter Sneaker.

Die Ausstellung „Step by Step. Schuh.Design im Wandel“ im Deutschen Ledermuseum in Offenbach am Main ist derzeit wie alle Ausstellungen geschlossen. Sie sollte bis 27. September laufen. Weitere Informationen unter: www.ledermuseum.de

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Pumps, Roger Vivier für Christian Dior, Paris, Frankreich, um 1962 und Sneaker, Air Max 1 Ultra CITY “Paris”, Nike, USA, 2015 Foto: DLM, M. Özkilinc/Copyright-Vermerk für alle Abbildungen: © DLM, M. Özkilinc
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Das Buch: Inez Florschütz (Hg.): Step by Step. Schuh-Design im Wandel. Arnoldsche Art Publishers, Stuttgart, 288 Seiten, 38 Euro.