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Aufgeschlagen – Neue Bücher: Von Maschinen und Menschen

Aufgeschlagen – Neue Bücher : Von Maschinen und Menschen

Geht es darum, neue Welten zu betreten, ist Frank Schätzing ein Meister seines Fachs. Der deutsche Bestseller-Autor tauchte in seinen Romanen schon in die Meere ab („Der Schwarm“), reiste auf den Mond („Limit“) und hetzte einen Reporter durch das vom Nahost-Konflikt gezeichnete Israel („Breaking News“).

In seinem neuesten Thriller widmet sich der Autor nun den Gefahren, die von künstlicher Intelligenz ausgehen. In „Die Tyrannei des Schmetterlings“ greift Schätzing die beängstigend-faszinierende Frage auf, was mit der Menschheit passiert, wenn sich eine ultra-intelligente Maschine gegen ihren Schöpfer richtet.

Was nach einer großen Frage klingt, beginnt im Roman aber klein, tief in der kalifornischen Provinz. Dort arbeitet der Held der Geschichte, Luther Opoku, als Undersheriff. Die Aufgaben des einstigen Drogenfahnders: Marihuana-Anbau unterbinden, verlorene Haustiere finden. All das ändert sich, als eine Frau tot aufgefunden wird. Er stößt bei seinen Ermittlungen auf Nordvisk, eine weltweit führende Firma in künstlicher Intelligenz, die in seinem Bezirk versteckt unter der Erde forscht. Als Opoku auf dem Gelände ermittelt, führt ihn das in eine rätselhafte Parallelwelt, in der sein Leben nicht mehr das alte ist. Seine bei einem Unfall gestorbene Frau ist plötzlich wieder quicklebendig, sein Opoku-Ebenbild wird hingegen ermordet, eine Verfolgerin ist ihm dicht auf den Fersen. 174 Seiten sind vorbei, ehe die zuvor gemächlich aufgebaute Geschichte endlich an Fahrt aufnimmt und langsam zum Supercomputer Ares führt. Eigentlich dafür geschaffen, die Welt zu schützen und eine intakte Ökosphäre zu schaffen, emanzipiert sich die künstliche Intelligenz von ihrem Schöpfer – und will die unzulängliche Menschheit als Wurzel vieler Übel vernichten.

Der Plot ist aufregend, doch am Ende scheitert der Autor, weil er zu viel will. Die Geschichte verliert sich: in den verschiedenen Parallelwelten, zu vielen Charakteren, zu detailverliebten Landschaftsbeschreibungen, zu ausschweifenden Gedankengängen. Mal geht es um künstliche Intelligenz, mal um die Gefahr von Algorithmen, dann um tödliche Sex-Roboter oder Killer-Insekten. Und all das führt zu übergeordneten Fragen, ob der Mensch im grenzenlosen Technikwahn wirklich Gott spielen sollte und welche Rolle er in einem Zeitalter überhaupt noch einnimmt, in dem Maschinen deutlich schlauer sind. Braucht es dann ein bedingungsloses Grundeinkommen? Wer lässt ein solches System überhaupt noch zu? Oder ist die Menschheit dann am Ende? All das sind Fragen, die Schätzing immer wieder anreißt – und doch nicht konsequent genug zu Ende führt. Daher fehlt es den Welten, die er schafft, auch an neuen Visionen und Haltungen, die über schon erschienene Science-Fiction-Dystopien spürbar hinausgehen. Der Welt, die Schätzing darstellt, fehlt es zwar nicht an Spannung, aber er hat schon deutlich bessere Geschichten erzählt. Florian Schlecht

Frank Schätzing, Die Tyrannei des Schmetterlings, Kiepenheuer & Witsch, 736 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-462-05084-4.