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Von miesen Typen und schlecht verleimten Möbeln

Von miesen Typen und schlecht verleimten Möbeln

Als Kooperation zwischen dem Saarländischen Staatstheater und dem Luxemburger Théâtre National hat Dagmar Schlingmann Bertolt Brechts "Kleinbürgerhochzeit" inszeniert. Etwa 200 Zuschauer amüsierten sich bei der Premiere in Luxemburg.

Luxemburg. Die Mutter, Typ Barbiepuppe, rückt den Busen zurecht, die Musik rülpst, die Freundin der Braut raucht schnell noch eine, und das Brautpaar sieht aus wie die Gipspaare auf der Hochzeitstorte. Die Kleinbürgerhochzeit kann beginnen. Im rosaroten Puppenhaus der Bühne von Sabine Mader sitzen die Hochzeitsgäste wie beim Promi-Dinner für Arme aufgereiht am Tisch. Dass die bonbonsüße Idylle erheblich Schieflage hat, signalisiert die abschüssige Rampe vor der Hochzeitstafel.
Die Katastrophe nimmt Fahrt schnell auf: Der Brautvater (schauspielerisch herausragend: Marco Lorenzini) gibt als Elefant im kleinbürgerlichen Porzellanladen unappetitliche Geschichten zum Besten, die Freundin der Braut entpuppt sich als laszives Biest (Nina Schopka in High Heels und hautenger Lederhose).
Alles liegt in Trümmern


Der Freund des Bräutigams (Benjamin Bieber) ist ein schmieriger Macho, der die Sau aus dem weißen Dinnerjackett herauslässt. Die Mutter (Christiane Motter), ist selbst durch den Wind, versucht aber kochkünstlerisch zu retten, was nicht zu retten ist. Schließlich geht jeder jedem an die Wäsche, die schwangere Braut (Dorothea Lata) lässt ihr Becken kreisen, wie dereinst Elvis hinter der Gitarre. Am Ende geben auch die Möbel des heimwerkenden Bräutigams auf und brechen zusammen - was nicht nötig wäre, weil hier sowieso schon alles in Trümmern lag.
Als schrille Comedy hat die Saarbrücker Theaterchefin Dagmar Schlingmann Bert Brechts grotesk-tragisches Jugendstück "Die Kleinbürgerhochzeit" aktualisiert und mit allem versehen, was Komödie und Klamotte zu bieten haben. Das ist ganz lustig, zumal das Stück kurz ist und man gern mal eine Stunde über Tortenschlacht-Komik lacht. Dann geht man nach Haus und denkt: Was kümmern einen diese miesen Typen. Und überhaupt: Wer die Kleinbürgerhochzeit von heute sehen will, sollte sich im Fernsehen die Dokusoaps der Privaten anschauen.
Weitere Aufführungen am 5., 6., 19. und 20. Juni, jeweils um 20 Uhr. Ab 1. Dezember ist das Stück in Saarbrücken zu sehen.