1. Region
  2. Kultur

Von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Annäherung

Von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Annäherung

Einen großartigen Einstand hat Susanne Linke als neue Leiterin der Sparte Tanz am Theater Trier am Sonntag gegeben. Zusammen mit dem in Paris lebenden afrikanischen Tänzer Koffi Kôkô präsentierte sie das gemeinsam erarbeitete Tanzduett "Mistral", eine Produktion der Berliner Akademie der Künste und von Susanne Linke.

Trier. Der Körper ist ihr seit jeher das bevorzugte Ausdrucksmittel, ein komplexer Ort aus seelisch-geistiger wie physischer Energie, aus Gedächtnis und Bewegungstechnik. Zu welch atemberaubender Perfektion Susanne Linke diesen Ort kultiviert hat und mit welch unglaublicher Disziplin sie bis ins kleinste Detail Bewegung als Ausdruck gestaltet, war einmal mehr am Sonntagabend im Theater Trier zu erleben. Dort stellte sich die 71-jährige Pionierin des modernen Tanztheaters als neue Leiterin der Sparte Tanz vor.
Nichts ist Zufall


Die Schülerin von Mary Wigman und anschließende Folkwang Studentin ist ohne Frage eine Perfektionistin. Jeder Schritt, jede Drehung, jede winzigste Äußerung in der Bewegung sitzt. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Selbst das kleinste Schnippen der Fingerspitzen ist hoch konzentrierte Arbeit, Ausdruck von Wille und Vorstellung, die in der Bewegung ihre körpergebundene Form finden.
Bisweilen wirken die Bewegungen der Tänzerin wie in den Raum geschnitten, dessen Leere dabei quasi zur Negativform wird. Susanne Linke mag Vollkommenheit anstreben, aber keineswegs eine kalte. Ihr Tanz bleibt beseelt, ihre Energie spürbar.
Und nicht zuletzt ihr Humor trägt dazu bei, dass das durchaus tiefschürfende Thema auch dieses Abends zwar ernsthaft, aber mit angenehmer Leichtigkeit verhandelt wird. Zusammen mit ihrem Kollegen, dem in Paris lebenden afrikanischen Tänzer Koffi Kôkô, präsentiert Linke auf der Nebenbühne des Theaters das Tanzduett "Mistral".
Die Choreographie des 2013 in Berlin uraufgeführten Tanzstücks haben die beiden Tänzer gemeinsam erarbeitet. Es geht um kulturelle Prägung und die Möglichkeiten interkultureller Gemeinsamkeit. Dort im Bühnenraum stehen sie, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die feingliedrige weiße Europäerin und der muskulöse schwarze Afrikaner aus dem alten Königreich Benin, hochgewachsen und stolz, mit einem Kopf wie von einem Bildhauer geschaffen.
Ein dramatisches Kammerspiel der Bewegung beginnt, in dessen feinnervigem Netz sich die Akteure fangen, finden und trennen. Marcel Kaskelines Bühne ist ein leerer, durch einen schwarzen Vorhang begrenzter Raum, eine Blackbox des Unbewussten.
Aus Weiß wird Schwarz


Alles fängt ganz heiter harmonisch an, geradezu idyllisch. Unter einem roten Regenschirm spaziert zu klassischer Musik (Wolfgang Bley-Borkowski) ein elegantes, schwarz-weiß gekleidetes Paar herein. Liebevoll teilt man sich die Zigarette. Aus dem Regen wird Sturm. Ein scharfer Wind - man darf annehmen, ein Mistral - beendet die schöne Eintracht und treibt die Liebenden auseinander.
Aggressive Trommeln stören die Harmonie des Anfangs. Aus Weiß wird Schwarz. Ein dramatisches einsames Ringen beginnt. Angst, Verstörung, Orientierungsverlust, Unbehaustheit in der eigenen Bewegung signalisieren Susanne Linkes und Koffi Kôkôs Körper. Der auch in höchster Erregung beherrschten Körpersprache der Tänzerin stehen die expressiven, bisweilen geradezu entfesselten Bewegungen Koffi Kôkôs gegenüber.
Die Suche nach Annäherung hat ihre Grenzen. Am Ende löst sich Susanne Linke aus der wohlmeinenden Umarmung ihres Partners. Das tut sie nicht feindlich, sondern mit Witz und Charme, zeitlos jung und selbstbewusst keck.
Kulturelle Annäherung und Verständigung funktionieren nur über die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und der des anderen und dem Respekt davor. Das ist die schönste Botschaft, dieses großartigen Duetts voll innerer Spannung und Ausdruckskraft.
Stehend und mit langanhaltendem Applaus bedanken sich die begeisterten Zuschauer, darunter Ministerpräsidentin Malu Dreyer und ihr Mann Klaus Jensen. Leider fasst der Raum nur 100 Plätze, so dass bei weitem nicht alle Interessenten zu diesem einmaligen Gastspiel Einlass finden konnten.