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Kultur
Von Sammlerglück und Selbsterforschung

„Der Versammlungsredner“ von Conrad Felixmüller.
„Der Versammlungsredner“ von Conrad Felixmüller. FOTO: TV / Eva-Maria Reuther
Bitburg. Das Haus Beda zeigt Künstler-Selbstporträts aus dem Nachlass von Theobald Simon Von Eva-Maria Reuther

Wie immer wusste Goethe es längst. „Sammler sind glückliche Menschen“ stellte der Dichterfürst fest. Als Besitzer zahlreicher Sammlungen, unter deren Beständen übrigens auch eine Miniatur der Igeler Säule war, kannte er sich aus. Nüchterner als das Weimarer Genie sah es das Brockhaus-Lexikon von 1965. Sammeln sei die krankhafte Neigung, Gegenstände ohne praktischen Bedarf anzuhäufen, befand sauertöpfig das Nachschlagwerk. Da mag man sich doch eher jener Vorstellung vom glücklichen Sammler anschließen, der – wie ihn eine liebevolle Karikatur des Franzosen Honoré Daumier zeigt – stillvergnügt inmitten seiner versammelten Schätze sitzt. Auch der Bitburger Unternehmer Theobald Simon (1906-1978) war ein begeisterter Kunstfreund und Sammler. Bereits als Student hatte der promovierte Volkswirt angefangen, Grafik zeitgenössischer Künstler zu sammeln. Im Laufe der Jahre wurde eine stattliche Sammlung daraus. Eine besondere Vorliebe des Sammlers galt den Selbstporträts. Es ist kaum anzunehmen, dass der kunstliebende Brauereibesitzer seine in der Regel ersteigerten Kleinodien, so wie bei Daumier dargestellt, um sich an der Wand versammelte. Dazu sind die Arbeiten auf Papier zu lichtempfindlich. Eher wird er immer mal wieder ein Blatt aus der Mappe genommen und sich darein vertieft haben. Umso dankenswerter ist es, dass nun zu ihrem 80. Geburtstag Simons Tochter Marie-Luise Niewodniczanska den Nachlass ihres Vaters an Künstler-Selbstbildnissen der Allgemeinheit zugänglich macht. Die umfängliche Ausstellung im Haus Beda ist geradezu ein „Who is Who“ bedeutender Künstlerpersönlichkeiten der Moderne. Selbstporträts gehören seit jeher zu den praktisch in jeder Werksbiografie vorhandenen Arbeiten. Sie hatten über die Jahrhunderte mehrere Funktionen. So diente die künstlerische Selbstdarstellung gleichermaßen der Außenwerbung für die eigene Tätigkeit, wie der Innenschau und Seelenerforschung. Den Kernbestand der Blätter im Haus Beda bildet die klassische Moderne des 20. Jahrhunderts. Als Highlight reicht, zurück ins Jahr 1636, eine schöne altmeisterliche Radierung von Rembrandt, die den Meister mit seiner Frau Saskia zeigt. Während der noch jugendliche Maler aus dem Bild schaut, hat Saskia nur Augen für ihren Mann. Vertreten sind die klassischen grafischen und druckgrafischen Techniken wie Zeichnung, Radierung, Holzschnitt und Lithografie. Ihrem Namen verpflichtet, gehören im Haus Beda die expressionistischen Arbeiten mit ihrem bis heute unverändert eindrucksvollen wie aktuellen „O Mensch“-Pathos zu den eindringlichsten Blättern. Unter den versammelten Künstlern finden sich die großen Namen des Expressionismus wie Hans Beckmann, Ludwig Kirchner, Emil Nolde, Erich Heckel, Karl Schmidt Rottluff und Conrad Felixmüller. Wobei gerade die drei Letzteren durch kraftvolle Holzschnitte überzeugen. Felixmüllers farbstarker „Versammlungsredner“ gehört zudem zu den wenigen farbigen Arbeiten. Eine wunderbar feine, nach innen gerichtete Studie ist Käthe Kollwitz „Großes Selbstporträt“. Der Meister der gruseligen Knochengerüste und Vorläufer des Expressionismus, James Ensor, präsentiert sich auch im Selbstporträt als Skelett im Anzug. Zurück ins späte 19. Jahrhundert verweisen stilistisch Künstler wie Max Klinger und Adolph von Menzel. Die wenigen namhaften deutschen Impressionisten vertreten Lovis Corinth und Max Slevogt. Präsent ist auch der später in Trier lehrende Bruno Müller –Linow. Otto Dix schaut skeptisch aus seiner Rötelzeichnung. Ein wenig finster blickt Paul Cézanne. Und Marc Chagall steht selbstironisch auf dem Kopf. Die Brücke in die jüngste Kunstgeschichte schlägt mit anderen Horst Janssen, dessen obsessive virtuose Radierkunst im eigenen Gesicht die Seele seziert. Es ist ein zusätzlicher Verdienst der Ausstellung, dass sie nicht nur die großen Namen buchstabiert, sondern auch Künstler ins Bild setzt, deren Werk ein wenig an die Peripherie gerückt ist, wie Bele Bachem oder Joachim Palm. Es gibt jede Menge zu sehen in der Bitburger Künstlerrunde, natürlich auch das Porträt des Sammlers, allerdings nicht von eigener Hand. Es lohnt sich, Zeit mitzubringen, um mit den beredten Gesichtern ins ergiebige Gespräch zu kommen.

Bis 22. Mai, Öffnungszeiten: Denstag bis Freitag von 15 bis 18 Uhr. Samstag, Sonntag und Feiertag von 14 bis 18 Uhr, Telefon 06561/9645–0, im Internet auf www.haus-beda.de