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Von Sinfonie bis Salon – Musik zum (Wieder-)Entdecken

Kultur in Corona-Zeiten : Von Sinfonie bis Salon – Musik zum (Wieder-)Entdecken

Musikalische Helferlein, bekannte und weniger bekannte, die nicht nur in Corona-Zeiten ein erneutes Hinschauen lohnen.

Shakespeare geht immer. Auch und gerade jetzt. „Wenn Musik der Hoffnung Nahrung ist, spielt weiter.“ Zugegeben, in „Was ihr wollt“ klingt‘s minimal anders, aber das passt schon. „Musik ist nicht nur schön – sie bewahrt auch unsere Gesundheit“, sagt Stefan Kölsch. Der studierte Geiger, Psychologe und Soziologe deutsch-amerikanisch-norwegischer Herkunft hat ein ganzes Buch darüber geschrieben,warum Musikliebhaber länger leben („Good Vibrations“). Und derzeit gelassener überleben.

Töne haben heilende Kräfte. Und sie sind ein Stimmungsaufheller. Nicht gerade der Trauermarsch aus der „Eroica“, aber Beethoven hat ja zum Beispiel noch die Siebte geschrieben, von der Richard Wagner als „Apotheose des Tanzes“ schwärmte. Garantiert gute Laune macht auch der erste Satz von Schuberts Sinfonie 5. in B-Dur, die der Musikkritiker Eduard Hanslick zwar als „schwachen Abguss von Mozart“ herunterputzte, während Schuberts Freund Leopold von Sonnleithner sie als „liebliche Sinfonie“ bezeichnete. Recht hat er! Und wen die (derzeit leider unstillbare) Sehnsucht nach Italien überkommt, ist mit Mendelssohn Bartholdys 4. Sinfonie bestens bedient.

Abseits der altvertrauten Klassiker blühen allerdings ebenfalls hübsche Klangsträuße, und der Weg zu ihnen führt um die halbe Welt. Welche Blumen man am Rande pflückt, ist natürlich Geschmackssache, aber ein paar Knospen gefallen eigentlich immer. Zum Beispiel Klänge aus Südamerika, genauer gesagt Brasilien, wo Ernesto Nazareth (1863-1934) zu den musikalischen Nationalheiligen gehört. Der Komponist und Pianist – von 1920 bis 1924 begleitete er unter anderem die Stummfilme im „Odeon“-Kino in Rio de Janeiro, dem er in einem gleichnamigen „Tango“ ein Denkmal gesetzt hat – veröffentlichte seine erste Komposition im Alter von 14 Jahren, denen er mehr als 200 folgen ließ. Einer seiner Ohrwürmer, mit dem fast alle Klavierschüler in Brasilien Bekanntschaft machen (müssen), heißt „Apanhei-te, Cavaquinho“ und ist eine Hommage an das heimische Saiteninstrument Cavaquinho, einer kleinen Gitarre.

Ludwig van Beethovens „Ode an die Freude“ klang kürzlich nach einem bundesweiten Aufruf zu einem Musik-Flashmob nach dem Vorbild Italiens von den deutschen Balkonen. Doch nicht nur Beethovens Musik lohnt sich dieser Tage neu kennenzulernen. Foto: dpa/Patrick Seeger

Auch Darius Milhaud (1892-1974) haben es brasilianische Rhythmen angetan, wie man seiner Suite für zwei Klaviere („Scaramouche“, 1937 uraufgeführt) anhören kann. Die „Brazileira“ gehört zu den populärsten Werken des Franzosen, der zu seiner Zeit als Kompositionslehrer in Amerika unter anderem Dave Brubeck und Karlheinz Stockhausen unterrichtete.

Auf dem Weg von Süd- nach Nordamerika empfiehlt sich ein kurzer Zwischenstopp in Kuba. Dort lebte und arbeitete Ignacio Cervantes (1847-1905), der am Pariser Konservatorium studierte und die Volksmusik seiner Heimat in den Konzertsaal transponierte. In der Tragikomödie „Erdbeer und Schokolade“ über zwei junge Männer, deren Liebe im Kuba der 1980 Jahre eine ziemlich riskante Angelegenheit war, erklingt Cervantes‘ populärste Komposition, „Adiós a Cuba“. Auch sehr schön, aber da es gerade etwas heiterer sein soll, empfehlen wir den Tango „Los delirios de Rosita“.

Von Kuba nach Louisiana ist es nur ein Katzensprung, doch derzeit schafft es nicht mal eine Katze in den Bundesstaat. Dessen Hauptstadt heißt Baton Rouge, aber an Bekanntheit kann es die Metropole nicht mit dem knapp 100 Meilen südöstlich gelegenen New Orleans aufnehmen. Dort wurde 1829 der französischstämmige Louis Moreau Gottschalk geboren, der sich ebenfalls in Paris ausbilden ließ, zwar nicht am Konservatorium (das blieb ihm als US-amerikanischem Staatsbürger verschlossen, weil Pierre Zimmermann, der Direktor der Pariser Musikhochschule, meinte, Amerikaner könnten zwar Lokomotiven bauen, seien ansonsten jedoch Barbaren und hätten keine Ahnung von Musik), aber unter anderem bei Hector Berlioz. Unter seinen Werken finden sich skurrile Kompositionen wie das für zehn Klaviere konzipierte Werk „Die Belagerung von Saragossa“, für das er vom spanischen König ausgezeichnet wurde. Überhaupt hatte es ihm das Klavier angetan; so schrieb er eine Version des „Einzugs der Gäste“ aus „Tannhäuser“ für vierzehn Klaviere. 1865 musste er aus seiner Heimat fliehen, weil er mit einer seiner Studentinnen ein Techtelmechtel begonnen hatte. Er fand Asyl in Südamerika, wo er, inspiriert von der dortigen Musik, die Sinfonie „Eine Nacht in den Tropen“ komponierte. Vor allem der zweite Satz, eine furiose Samba für Orchester mit lokalspezifischem Schlagwerkensemble, ist in Zeiten eingeschränkter Reisefreiheit zu empfehlen. 1869 starb er in Rio de Janeiro – vermutlich an einer Überdosis Chinin.

Letzte Station auf dieser musikalischen Durchhaltereise ist Spanien. Joaquín Rodrigo (1901-1999) wird unfairerweise fast nur auf sein „Concierto de Aranjuez“ reduziert, dessen zweiter Satz unter anderem Miles Davis zu einer eigenen Version inspirierte („Sketches of Spain“) und manchen Schlagersänger „Mon amour“ schluchzen ließ. Ein wenig im Schatten dieses Welterfolgs steht das „Concierto de Andaluz“ von 1967, in dem gleich vier Gitarren aufgeboten werden. Besonders hörenswert in diesen Zeiten: der erste Satz mit seinem forschen Optimismus.

Alle erwähnten Kompositionen gibt
es außerdem auch im Internet auf
www.youtube.de zu hören.