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Von wahrer Liebe und der deutschen Liebe zum Steuersparen

Von Klopapier und anderem Schmuddelkram: Was in dieser Woche wirklich relevant ist, lesen Sie hier.

Wenn einen keiner so richtig liebt oder für voll nimmt, freut man sich über jede Zuwendung, die man kriegen kann. Die Rede ist ausnahmsweise nicht vom amerikanischen "Präsidenten" (aber wo bekäme der schon Zuwendung her? Selbst die eigene Gattin schlägt ihm ja in aller Öffentlichkeit auf die babyhaften Patschhändchen, wenn er damit nach ihr greift!), sondern von einem Menschen, der uns viel näher steht, geografisch zumindest: Dieter Bohlen, musikalisch und vor allem gesellschaftlich betrachtet der Carsten Maschmeyer der Popmusik. Der Dieter hat wenigstens noch seinen Zacko. So heißt sein Bodyguard (ja, der hat tatsächlich einen. Und zu Recht: Bei seinem musikalischen Output ist er in der Tat extrem gefährdet). "Er ist ein sehr warmherziger Mensch", gibt Zacko - sein wahrer Name ist nicht mal der Redaktion bekannt! - in einem Interview zu Protokoll. "Wir können uns immer aufeinander verlassen und haben schon so viel zusammen erlebt." Wie süß! Und Zacko, der Dackeltreue, setzt noch eins drauf: "Jeder Tag mit Dieter ist geil." So viel Liebe will die Ex-Hälfte von Modern Talking nicht unerwidert lassen. Der Zacko habe ihn mal vor dem sicheren Tod bewahrt - fast zumindest: "Durch eine Unachtsamkeit bin ich mit meinem Drehstuhl bei Fernsehdreharbeiten vom Podest der Bühne geflogen. Und wer war da, um mich aufzufangen? Dreimal könnt ihr raten", sagt der Pop-Titan im selben Interview - vermutlich mit tränenfeuchtem Auge. Gott sei Dank! Sonst hatte der Zuschauer vermutlich auf diese Sternstunde der Fernsehunterhaltung verzichten müssen. Wo wahre Männerfreundschaft herrscht, da passt eben kein Blatt Papier dazwischen. Nicht mal Klopapier! Harvey Weinstein, Kevin Spacey, Roman Polanski - und jetzt auch (und gewiss nicht der letzte Fall der Enthüllungsreihe) Dustin Hoffman, der honorige Ehrenmann des amerikanischen Kinos - bis jetzt. Der mittlerweile 80-jährige Oscar-Preisträger wird ebenfalls mit Vorwürfen sexueller Belästigung konfrontiert. Die US-Autorin Anna Graham Hunter wirft ihm vor, sie 1985 belästigt zu haben. Sie war 17 und Produktionspraktikantin bei den Dreharbeiten zu "Tod eines Handlungsreisenden". (Hat denn der Regisseur des Films, Volker Schlöndorf, nichts davon mitgekriegt? Man müsste ihn mal anrufen …) Miss Hunter wirft dem Schauspieler vor, sie um eine Massage gebeten und ihr an den Po gegriffen zu haben. "Er war ein Jäger, ich war ein Kind", sagt die Journalistin und Schriftstellerin. Hoffmann gibt sich reuevoll: Er habe größten Respekt" für Frauen und er fühle sich schrecklich, dass er die Frau möglicherweise durch sein Verhalten in eine "unangenehme Situation" gebracht haben könnte. "Dies reflektiert nicht, wer ich bin", gibt er etwas geschwollen zu Protokoll. Für die vielen betroffenen Frauen (und wenigen Männer) sind all diese Vorkommnisse, keine Frage, eine ziemlich widerliche Angelegenheit. Aber sie sind nur die jüngsten der bedauernswerten Opfer in einer langen Geschichte von Film, Vergewaltigung und Verbrechen. Wer sich mal richtig gruseln will, was Nötigung und Übergriffigkeit in der Filmindustrie anbetrifft, sollte das 1975 im Verlag Zweitausendeins erschienene Buch des Underground-Regisseurs Kenneth Anger lesen. "Hollywood Babylon" sind 300 Seiten prallvoll mit Skandalen aus Tinseltown, bei denen es nicht nur um "unvereinnehmlichen Sex" geht, sondern auch um Mord und Totschlag, begangen im Sex- und Drogenrausch mächtiger Filmbosse, -produzenten, -drehbuchschreiber und -schauspieler. Der Sumpf von damals ist eben immer noch nicht trockengelegt - und wird es, so die vorsichtige Prognose, wahrscheinlich auch niemals werden. Die Deutschen sind da offenbar ganz anders gepolt, behauptet zumindest unsere Umweltministerin. "Der Steuerspartrieb ist in Deutschland stärker ausgeprägt als der Sexualtrieb", sagt Barbara Hendricks. Ist aber auch nicht wirklich ein Trost... Rainer Nolden/mit Material von dpaUnterm Strich Die Kulturwoche