Vor Revoluzzern wird gewarnt

Vor Revoluzzern wird gewarnt

Da ist tatsächlich noch etwas zu entdecken beim alten Schiller, 200 Jahre nach seinem Tod. Verborgen unter dicken Schichten von Patina, die den literarischen Aufrührer zu einem "Klassiker" mumifizierten, zur Überraschung eines Publikums, das erbauliche Déjà-vu-Erlebnisse suchte statt Entdeckungen. Nein, erbaulich ist das Trierer Schiller-Projekt nicht. Aber dafür hochspannend, zum Nachdenken anregend, durchdacht und mit präzisem Handwerk umgesetzt. Und brandaktuell, ohne dass Regisseur Horst Ruprecht dafür zwanghafte Anspielungen auf die Gegenwart bräuchte.Die Analyse der Helden fällt betrüblich aus

Der Trierer Dreierpack ist keine Instant-Version der einzelnen Stücke, in denen der Inhalt von "Räuber", "Jungfrau" und "Fiesco" in komprimierter Form serviert wird. Deshalb braucht man auch keinen Schauspielführer, um über die Distanz von gut drei Stunden den Überblick zu behalten. Ruprecht und seine Dramaturgen Peter Oppermann und Sylvia Martin konzentrieren sich auf eine ganz bestimmte Fragestellung: Wie steht es mit den Revoluzzern und Aufrührern, die Schiller so oft als Helden seiner Dramen (man hätte mit Fug und Recht auch "Wilhelm Tell" oder "Don Carlos" nehmen können) auswählte? Alles, was zur Beantwortung dieser Frage unnötig ist, wird eliminiert. Das Ergebnis der Dramen-Erforschung fällt betrüblich aus. Karl Moor, der edle Räuberhauptmann: ein von Selbstmitleid zerfressener, auch im Umgang mit seinen eigenen Männern jedes Maß verfehlender Feuerkopf, der am Ende den ersehnten Ausweg aus dem selbst gewählten Weg in den Terror nicht mehr findet. Johanna von Orléans, die Heilige: im religiösen Wahn um sich schlagend, stets im Kampf gegen das Reich des Bösen, ein Fall für den Psychiater. Und Fiesco, der Berufspolitiker: ein gewissenloser Intrigant, der seinen Aufstand gegen die Mächtigen nur führt, um sich selbst an ihre Stelle zu setzen. Man braucht keine Fantasie, um die Aktualität von Schillers Werk zu sehen: Den Fanatismus des Idealisten Moor in der Geschichte der RAF, den Wahn der Johanna in den Kriegszügen eines George W. Bush, die Verkommenheit politischen Geschäftswesens in der Barschel-Affäre. Und das Grandiose an der Leistung der Regie: Sie bewerkstelligt die Erkenntnisse allein über den Text. Auch wenn da vieles gekürzt, bearbeitet, ergänzt ist: Die Trierer Produktion ist mehr "Schiller pur" als manches Staats-Theater, das die Worte hinter repräsentativer Ausstattung verschwinden lässt. Das Bühnenbild von Dirk Immich kommt mit wenigen abstrakten Elementen aus. Bewegliche Treppen, an Flugzeug-Gangways erinnernd, ein Klettergerüst mit dem Kopf des deutschen Adlers: Mehr ist nicht nötig. Und über allem thront das postergroße Konterfei Schillers (Tim Olrik Stöneberg), gern auch als Porträt-Kopf auf den T-Shirts seiner Mitschüler. Schillers Zeit als "Karlsschüler" liefert die Rahmenhandlung, entnommen aus einem Stück von Heinrich Laube. Es schildert den Moment, als der Dichter vom sensationellen Durchbruch seiner "Räuber" erfährt und mit seinen Mitschülern spontan eine Aufführung improvisiert. Aber auch Schillers Ende ist präsent, in Form des Berichts über die Obduktion seiner Leiche. Das alles klingt unübersichtlich, aber die brillante Leistung des Trierer Schauspiel-Ensembles und das intelligente Konzept sorgen dafür, dass letztlich eine Produktion aus einem Guss entsteht. Allerdings mit einer frustrierenden Quintessenz: Die Gewalt, die zum Umsturz ungerechter Verhältnisse angewandt wird, hat eine ebenso hässliche Fratze wie die Gewalt der Unterdrückung.Zum Schluss ein Gedicht an die Hoffnung

Das mag Horst Ruprecht denn doch zu skeptisch erschienen sein. Und so kontrastiert er am Ende gnädig Schiller mit Schiller, indem er der Jungfrau von Orleans Schillers Gedicht "Hoffnung" in den Mund legt ("Der Mensch hofft immer Verbesserung"). Das Publikum, um einige wenige Pausen-Heimgeher dezimiert, feiert neben Schiller/Moor-Darsteller Stöneberg vor allem die Titelhelden Hille Beseler (Johanna) und Klaus Michael Nix (Fiesco), aber auch das vorzügliche Ensemble mit Claudia Felix, Peter Singer, Jan Brunhoeber, Christian-Joachim Friedrich, Alexander Ourth, Christoph Bangerter, Hans-Peter Leu, Verena Rhyn, Heribert Schmitt, Sabine Brandauer und Manfred Paul Hänig sowie die begleitenden Jazz-Musiker Max Klein und Fabian Konz. Bravo-Rufe auch für das Regie-Team, wie man sie seit "Hexenjagd" nicht mehr gehört hat. Weitere Vorstellungen: 28. 1., 1., 11., 13., 19. und 25. 2., Karten: 0651/718-1818. Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Beginn im Foyer.

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