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Vorhang auf für die Nero-Show

Vorhang auf für die Nero-Show

Seit Samstag lädt Kaiser Nero in Trier zur Audienz. Obwohl von einem großen Ansturm am Eröffnungswochenende noch keine Rede sein kann, sind die Macher zufrieden. Denn die Besucher, die in Trier Nero nachspüren, sind von der Schau begeistert.

Trier. Mehr als 150 000 Besucher werden zur Nero-Ausstellung erwartet. In den Gängen der Museen, über die im Vorfeld so viel berichtet wurde, ist es anfangs noch ruhig. Doch die, die dort auf den Spuren Neros unterwegs sind, sind begeistert. "Die Schau ist sehr beeindruckend", sagt Waltraud Scheld, die aus Frankfurt angereist ist, zwei Nächte bleibt und die Gelegenheit nutzt, Trier in verschiedenen Stadtführungen kennenzulernen. Anders als bei manch anderer Ausstellung findet Scheld auch die Erklärungen prima und den Text gut lesbar.
Das schon nach wenigen Stunden gut gefüllte Gästebuch des Rheinischen Landesmuseums strotzt vor Lob: Fantastisch, hervorragend, super, beeindruckend, spannend, lehrreich und "das hätte Nero gefallen", ist dort zu lesen. Besonders die in der Ausstellung nachempfundene Domus Aurea, der goldene Palast Neros, beeindruckt die Besucher. Einziger Kritikpunkt im Gästebuch: "Es sollte mehr Sitzgelegenheiten geben."
"Wir sind sehr zufrieden mit dem ersten Besucherwochenende. Bereits im Vorfeld war die Resonanz enorm und die ersten Besucher sind sichtlich begeistert”, sagt Marcus Reuter, Direktor des Landesmuseums. In seinem Haus beginnen die meisten Gäste ihre Expedition in die römische Geschichte, die sie schnell ins brennende Rom führt.
Vögel zwitschern


Lichtinstallationen lassen Flammen lodern und versetzen den Besucher ins Jahr 64. Das Jahr, in dem Rom in weiten Teilen zerstört wurde. Nie gezeigte Funde aus der Brandschicht der antiken Metropole lassen erahnen, wie die Menschen von der Katastrophe überrascht wurden: Bauarbeiter ließen mit Mörtel gefüllte Tongefäße einfach stehen und flüchteten. Zu sehen ist auch die einzig erhaltene römische Feuerlöschpumpe, die beweist, wie ausgefeilt die Technik vor 2000 Jahren bereits war.
Aus einem der Nachbarräume klingt Vogelgezwitscher herüber. Es kommt aus Neros goldenem Palast, der Domus Aurea. Doch bevor der Besucher dorthin gelangt, muss er sich von einigen Klischees verabschieden: Nero hat Rom nicht nur nicht angezündet. Er zeigte sich nach diesem Brand zudem als hervorragender Krisenmanager: Die obdachlose Bevölkerung ließ er in seinen Gärten versorgen und ordnete neue Sicherheitsstandards an. So wurden die Straßen breiter, die Gebäude niedriger, und Stein verdrängte den Baustoff Holz. Zudem ließ er die Wasserversorgung Roms verbessern. Noch immer zwitschern die Vögel und locken in einen achteckigen Raum, der zum Herzstück der Schau wird. Er ist ein kleinformatiger Nachbau des luxuriösen Speisesaals der Domus Aurea: Bunter Marmor zierte dort die Wände, Blumenblätter rieselten durch eine Öffnung in der Decke, die über und über mit Himmelszeichnungen verziert war. In den Nischen des Raums stehen Originale, an denen Nero selbst sich in seinem Palast erfreute: Statuen, Wandmalereien, ein Hase aus Marmor.
Jeder einzelne der 14 Ausstellungsräume des Landesmuseums hat seine eigene Stimmung: Die goldenen Zeiten unter Neros Herrschaft werden in Goldfarben getaucht, Neros Morden ist ein dunkler Raum mit einer kopflosen Statue gewidmet. Über den Himmel zucken Blitze. Die Abwärtsspirale, die zu Neros Tod führte, symbolisiert ein blutrotes Halbrund, in dessen Zentrum eine zerschlagene Bronzestatue steht. Wer die Ausstellung verlässt, weiß um sämtliche Facetten des Kaisers.
Dass Nero der Erste und der Schrecklichste war, der Christen verfolgen ließ, wird im Museum am Dom vertieft. Großformatige Wandbilder zeigen dort die Ermordung einer jungen, schönen Christin oder Gläubige, die den Löwen vorgeworfen werden. Ein besonderes Stück ist ein Schrank, der einst zur Abtei St. Maximin gehörte. Im krassen Gegensatz zu seinem schwülstig lieblichen Design steht das blutrünstige Geschehen in seinem Inneren: In Wachsfiguren ist nachgestellt, wie römische Soldaten Christinnen den Hals oder die Arme abhacken, während in der Mosel übel zugerichtete Leichen vorbeitreiben. Ein Martyrium, das übrigens lediglich Legende ist. Besonders gut gefällt Elke und Walter Schäfer aus Lahnau bei Gießen, was das Dommuseum Kindern bietet: einen eigenen Raum, der der Frage nachgeht, wer Nero und Jesus waren oder was es mit den römischen Göttern auf sich hat. Andere Besucher loben die ausgezeichneten Audioguides in leichter Sprache.
Deutlich leichtere Kost empfängt die Besucher des Stadtmuseums Simeonstift, das zeigt, wie die Nachwelt mit dem Mythos Nero umging. Wer eben noch Bilder von Märtyrern betrachtete, steht nun vor Filmplakaten, die für italienische Softpornos werben. Darunter "Nero und die Huren des römischen Reiches”.
Die Nackten und die Toten


Herzstück der Ausstellung ist ein Raum, dessen Wände komplett mit glänzender, pinkfarbener Folie überzogen sind, wie man sie sonst um Heuballen wickelt. Lust und Verbrechen lautet sein Thema. Zu sehen sind die Frauen, die Nero liebte und ermordete. Gleich zwei großformatige Gemälde zeigen, wie Nero seine schöne, halbnackte Mutter betrachtet, nachdem er sie töten ließ. Auch seine nicht minder schöne und halbnackte Gattin Poppaea Sabina ist Sujet dieses ungewöhnlichen Raums. Bis heute mache die Mischung aus Grausamkeit und Sex einen Großteil von Neros Popularität aus, liest der Besucher dort in weißer Schrift auf pinkfarbenem Grund, ehe er sich Neros Tod zuwendet, den Smirnow 1888 in einem beeindruckenden, von verschiedenen Rottönen dominierten Großformat in Öl festhielt.
In Trier, dessen Gastronomen nun mit Nero-Tellern werben, ist der Kaiser so lebendig wie jemand, der fast zwei Jahrtausende tot ist, sich das nur wünschen kann. Damals liebte ihn das Volk. Und das tut es noch immer. Gabriele und Friedemann Sauer sind aus Reutlingen angereist. Zehn Tage lang werden sie in Trier bleiben, weil Nero sie rief. Da sag' noch einer, das wäre ein schlechter Kaiser.