Wagner im Häcksler

LUXEMBURG. Eine unheimliche Begegnung der besonderen Art bescherte Frank Castorfs Version von Wagners "Meistersingern" dem Publikum im Grand Théâtre. Die Erstaufführung einer Koproduktion mit der Berliner Volksbühne kombinierte spannende musikalische Erkenntnisse mit routinierten Regietheater-Versatzstücken.

Geht das? Wagners monumentales Meisterwerk über den Nürnberger Sänger-Wettstreit, gespielt von zwei Pianisten und fünf Bläsern? Gesungen von vier gelernten Sängern und sieben singenden Schauspielern? Mit einem "Amateur- Chor der werktätigen Volksbühne"? Man mag es nicht glauben, aber: Es geht. Erstaunlich, was der Tenor Christoph Homberger, der Arrangeur Stefan Wirth und der musikalische Leiter Christoph Keller da ausgetüftelt haben. Zugegeben, es ist gewöhnungsbedürftig, wenn der stimmstarke Salzburg-Star Homberger gemeinsam mit Sophie Rois' heiserem Diseusen-Organ das Liebesduett Stolzing/Eva intoniert. Oder wenn Bernhard Schütz' bodybuilding-gestählter Hans Sachs weitab von jeder handelsüblichen Tonlage vor sich hin zetert. Oder wenn Fritz Kothner fistelt und Sixtus Beckmesser grölt. Aber wer sich darauf einlässt, wird mit ein paar spannenden Wagner-Entdeckungen belohnt. Zum Beispiel, wie liedhaft, ja geradezu chansonesk seine Musik sein kann, wenn man Instrumentierung und Tonlage modifiziert. Wie filigran die Chöre sind, wenn man sie jeglichen Schwulsts entkleidet. Wie viel Substanz auch dann noch bleibt, wenn die musikalischen Ausdrucksmittel auf einen Minimal- Standard reduziert werden. Leider hat sich die szenische Seite nicht in ähnlicher Bescheidenheit geübt. Dabei ist auch hier die Ausgangs-Idee bestechend. Frank Castorf kombiniert Wagners "Meistersinger", die Oper mit den großen Menschenmassen, mit Ernst Tollers Revolutionsdrama "Masse Mensch". Das lässt sich spannend an, wenn sich plötzlich "Genossen" unter die Festwiesen-Gesellschaft mischen, wenn die letzten Fragen der Menschheit, die Toller stellt, sich mit der Frage nach dem richtigen Gesangsstil, die Wagner stellt, mischen. Aber Castorf kommt den Meistersingern nie nahe genug, um Wagner und seiner Oper wirklich gefährlich zu werden. Stattdessen schieben sich Plattitüden in den Vordergrund, beanspruchen jene Aufmerksamkeit, die der Zuschauer bräuchte, um sich auf die Gedankenspiele einzulassen. Aber das fällt schwer, wenn Pferde auf die Bühne kotzen, Hans Sachs mit dem Maschinengewehr durch die Gegend ballert, die Lehrjungen nach Mallorca entfleuchen, ständig merkwürdige Gefährte auf die Szene rollen und Walther von Stolzing in einem Kostüm auftritt, das so aussieht, als wolle Markus Maria Profitlich in einem Comedy-Sketch Spiderman spielen. Castorf liefert routinierte Reizbilder von absoluter Beliebigkeit, Trash-Opera als Selbstzweck. Darin ersaufen die Ansätze, die man findet, wenn man im Nachhinein die dramaturgischen Anmerkungen liest. Die Produktion schwankt unentschieden zwischen Persiflage, Provokation und ernsthafter Auseinandersetzung, letztlich versandet sie im Ungefähren. So bleibt unterm Strich nur das Staunen über die Energie-Leistung der Akteure, die sich auf der Bühne verausgaben, freilich nicht immer gut zu verstehen sind. Die Ausstattung von Aktionskünstler Jonathan Meese ist ein Kunstwerk für sich, zugekleistert mit teils verfremdeten, teils infantilen Pop-Kultur-Zitaten. In Schichten werden die holzschnittartigen Bühnenbilder abgetragen, um immer neue Sprüche und Graffitis zu offenbaren. Ein Zusammenhang zum Stück erschließt sich dabei nicht. Vielleicht muss man in Berlin oder Hamburg leben, um eine Vielschichtigkeit erfassen zu können, die möglicherweise hinter der dürftigen Fassade steckt. Das Publikum im Grand Théâtre nahm die Produktion hin, echauffierte sich weder pro noch contra. Einige gingen vorzeitig, ohne sichtbaren Zorn, der Rest klatschte am Schluss, ohne sichtbare Begeisterung. Ein mageres Ergebnis für einen Abend, der so viel hätte in die Waagschale werfen können.

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