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Wanderer zwischen den Grenzen

Wanderer zwischen den Grenzen

Ein Beitrag zur Identitätsstiftung und zur Versöhnung war Tomasz Niewodniczanski seine Sammlung historischer Landkarten und Atlanten zu Lebzeiten. In einer Feierstunde wurde jetzt im Warschauer Schloss die neue Dauerausstellung der Polonica aus der Sammlung eröffnet.

Bitburg/Warschau. Nun sind sie also endgültig heimgekehrt. In einer Dauerausstellung im schön restaurierten Bibliotheksflügel des Warschauer Schlosses haben die Polonica von Tomasz Niewodniczanski jetzt eine würdige Heimat gefunden. Rund 3500 Stücke umfasst der polenbezogene Bestand des 2010 verstorbenen Bitburger Sammlers. Darunter sind wertvolle historische Landkarten, Atlanten, prachtvolle Druckschriften, königliche Urkunden mit Siegel sowie zeitgeschichtliche Dokumente, Handschriften und Erstausgaben polnischer Schriftsteller.

Für den 1933 geborenen Polen, der zeitlebens ein Wanderer zwischen den Grenzen blieb, waren seine Polonica von jeher ein Mittel, Bewusstsein zu bilden und die Versöhnung zwischen Deutschland und Polen voranzutreiben. In diesem Sinn hatte er 2009 die Polonica der 2007 gegründeten Deutsch-Polnischen Stiftung geschenkt, die sie dem Warschauer Schloss als Dauerleihgabe überließ.

Im Weichselflügel wird die Sammlung, die als die größte private Polonica Sammlung weltweit gilt, künftig präsentiert und wissenschaftlich betreut. "Wir sind froh, dass wir diese Möglichkeit gefunden haben", freut sich seine Witwe Marie-Luise Niewodniczanska.

Freuen dürften sich auch die neuen polnischen Treuhänder, schließt die wertvolle Leihgabe doch eine empfindliche Lücke in den im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörten öffentlichen Buch- und Archivbeständen des Landes. Allein die Kollektion der oftmals in unterschiedlichen Zuständen gesammelten Landkarten erlaubt einen umfassenden Überblick über die territoriale Entwicklung Polens in den Wechselfällen der europäischen Geschichte. Etliche Kleinodien enthält die Kollektion, etwa die seltene Karte von Grodno von 1568 oder Ansichten von Warschau des berühmten Venezianers Canaletto. Briefe August des Starken, Napoleons oder Katharina der Großen geben wie Briefe ehemaliger KZ-Häftlinge gleichermaßen Einblick in menschliche wie nationale Schicksale.

Nicht erlebt hat Tomasz Niewodniczanski die von ihm geforderte Rückgabe der "Berlinki", jener Bestände der ehemaligen Preußischen Nationalbibliothek, die während des Zweiten Weltkrieges in Schlesien ausgelagert waren und bis heute in Krakau liegen. Künftig will sich seine Witwe Marie-Luise für deren Rückgabe einsetzen, unter denen allein über 200 Briefe Goethes sind.

Hintergrund

Der gebürtige Pole Tomasz Niewodniczanski kam Ende der 1960er Jahre durch seine Ehefrau Marie-Luise Niewodniczanska, geborene Simon, nach Deutschland. Der promovierte Kernphysiker arbeitete zunächst in Darmstadt, bis die Familie 1973 nach Bitburg zog. Als Schwiegersohn von Brauerei-Legende Theobald Simon wurde der damals 40-Jährige bei der "Bitburger" Geschäftsführer. Neben dem Beruf engagierte sich Niewodniczanski ehrenamtlich in zahlreichen Gremien der Region. Über die Kartografie sagte er einmal: "Sie ist für mich die größte Freude, eine Leidenschaft, ja fast eine Sucht." Nach langer Krankheit starb Niewodniczanski am 3. Januar 2010. (eg)