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Wanderung durch einen morbiden Körper: Christina Friedrich inszeniert Thomas Manns "Zauberberg" im Trierer Walzwerk

Wanderung durch einen morbiden Körper: Christina Friedrich inszeniert Thomas Manns "Zauberberg" im Trierer Walzwerk

Krankheit, Liebe, Tod - das sind die großen Themen in Thomas Manns "Zauberberg”. Eine Bühnenfassung dieses Jahrhundertromans wird eine der ersten Schauspielpremieren der neuen Theater-Spielzeit sein - und zugleich die erste Aufführung im ehemaligen Trierer Walzwerk. Auf das Publikum wartet dort so manche Überraschung.

Für den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der den Autor Thomas Mann verehrte, war dessen "Zauberberg" von 1924 einer der besten deutschen Romane überhaupt. Eine Adaption dieses Jahrhundertwerks bringt das neue Trierer Theaterteam in seiner ersten Spielzeit auf die Bühne. Premiere ist am 18. September, 19.30 Uhr, im Walzwerk in Trier-Kürenz. Die Regie übernimmt die Berlinerin Christina Friedrich, die unter anderem Charlotte Roches Bestseller "Feuchtgebiete" für die Theaterbühne inszenierte.

Premierenfieber

Ihre literarische Vorlage umfasst zwei Bände, rund 1000 eng beschriebene Seiten. Protagonist ist Hans Castorp, Sohn einer Hamburger Kaufmannsfamilie und Student der Schiffsbautechnik, der seinen lungenkranken Vetter im Sanatorium in den Schweizer Alpen besucht. Zunächst will er nur drei Wochen bleiben, am Ende werden daraus sieben Jahre.

In der Abgeschiedenheit des Sanatoriums - diesem hermetisch abgeriegelten Ort, an dem die Zeit anderen Regeln zu gehorchen scheint - trifft der junge Mann auf allerlei weltentrückte Figuren. Sie spiegeln die geistigen Strömungen im Europa vor 1914 wider. Anfangs nur amüsiert vom seltsamen, morbiden Treiben auf dem "Berghof" mit seinen Liegekuren und täglichem Fieber-Messen, ist Castorp bald fasziniert davon. Er erkrankt selbst und glaubt schließlich sogar, dass Krankheit den Menschen "vergeistige und veredele". Am Ende des Romans verlässt er zwar den "Zauberberg", läuft aber geradewegs hinaus auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs.

Manns Roman ist ein Werk, das dem Leser Konzentration und Geduld abverlangt. Es steckt viel darin: Humor, Karikatur, eine Parodie auf den Bildungsroman, philosophische Abhandlungen zu Politik, Kunst, Krankheit, Tod oder dem Wesen der Zeit, Elemente aus Märchen und Mythologie.

Da stellt sich unweigerlich die Frage: Wie bringt man einen so komplexen Stoff auf die Bühne? "Indem wir uns auch einen hermetisch abgeschlossenen Raum schaffen, in den die Leitmotive des Romans eingezogen sind", erklärt die Regisseurin. Christina Friedrich steht in einer Halle des ehemaligen Trierer Walzwerks, der neuen Neben-Spielstätte des Theaters. Dem Ort, wo die morbide Welt des "Zauberbergs" lebendig werden soll. "Aus dieser Welt lösen wir Stücke, Motive heraus, wie aus einem Steinbruch. Wir nehmen sie und durchleuchten sie vor den Augen des Publikums."

Das Besondere dabei: Die Zuschauer heften sich wortwörtlich an Castorps Fersen, folgen ihm durch "diesen magischen, moribunden Zeitkörper des Sanatoriums", wie Friedrich es beschreibt.

Die Stationen dieser "Wanderung" hat Bühnenbildner Anton Unai aufgebaut. Sie verteilen sich im Innenraum der Industriehalle. Man sieht eine Art Kapelle mit Kirchenbänken, einen großen Teppich mit darauf abgestellten Badeschlappen, Krankenbetten, Rollstühle, Schlitten und Wände, die wie Berge aussehen. Alles in Weiß, reduziert, klinisch rein. "Es sind Orte der Reinigung, an denen man seine Krankheit hinter sich lassen kann", sagt Unai.

An diesen Stationen bewege sich der Zuschauer vorbei, schaue hinein wie durch ein Bioskop, halte inne, verlaufe sich darin, erklärt Friedrich. "Er erfährt etwas über den Menschen, er blickt auf einen eigenen Kontinent kurz vor der großen Katastrophe."

Von der Vorlage entferne sie sich dabei keineswegs, versichert Friedrich, auch wenn das Spielzeitheft für die Inszenierung etwas scherzhaft 31 Prozent Literatur, 60 Prozent Schauspiel und 9 Prozent Wahnsinn verspreche. "Wir lösen uns nicht vom Buch, wir versinken darin." Sie habe Mann während der intensiven Lektüre sehr schätzen gelernt, verrät sie. An dem Roman interessiere sie vor allem, "wie ein lebender Körper, der Richtung Tod geht, dabei alles inhaliert, was ihm zum Erkenntnisgewinn dient".

Ein wesentliches Element in Manns Werk ist auch die Musik. Die Stücke für die Trierer Inszenierung hat der Bremer Mark Scheibe komponiert. Sie werden live gespielt und gesungen von dem 25-jährigen Countertenor Fritz Theodor Richard Spengler. "Die Musik erzählt die Zartheit, aber zugleich auch die Grässlichkeit dieses Ortes mit", lobt Friedrich.
Manns Themen, vor knapp 100 Jahren aufgeschrieben, sind für die Regisseurin "hochgradig aktuell". Auch jetzt wieder spüre man das "Gefühl einer bevorstehenden Katastrophe". Die Toten auf dem "Zauberberg" berührten auch die "Toten unserer Gesellschaft, die Ertrunkenen in den Schiffsrümpfen, die wir nicht verdrängen dürfen", sagt Friedrich und meint damit die vielen Flüchtlinge, die ihre gefährliche Reise über das Mittelmeer nicht überleben.

Assoziationen wie diese beschreibt wohl auch der neue Trie-rer Schauspieldirektor Ulf Frötzschner, wenn er von einem "Kosmos" hinter den Stücken der Eröffnungsspielzeit spricht. Klar, sagt er, man hätte sich auch Leichteres, Bewährtes für den Auftakt vornehmen können: "Aber wir haben Themen gesucht. Und Stücke, die uns interessieren, weil mehr dahintersteckt." Das gelte für den lange nicht gespielten "Molière" (Premiere, 12. September, Großes Haus) und eben auch für den "Zauberberg".Extra

Mit neun Premieren an drei Wochenenden und dem ersten Sinfoniekonzert beginnt das neue Theaterteam um Intendant Karl Sibelius ab Freitag, 11. September, seine erste Spielzeit in Trier. Unter dem Motto "Premierenfieber" stellt der Trierische Volksfreund die Stücke in den nächsten Wochen ausführlich vor. Hier eine Übersicht über die September-Premieren (blau gefettet ist jeweils das Stück, das im dazugehörigen Artikel vorgestellt wird): "Alles bleibt anders": 11. September, 18 Uhr, Großes Haus "UR_": 11. September, 20.30 Uhr, Großes Haus "Molière": 12. September, 20 Uhr, Großes Haus "Mistral": 13. September, 20 Uhr, Großes Haus "Der Zauberberg": 18. September, 19.30 Uhr, Walzwerk Trier "Fidelio": 19. September, 19.30 Uhr, Großes Haus "Thalamus": 20. September, 19 Uhr, Großes Haus "Ruhr-Ort": 25. September, 19.30 Uhr, Großes Haus 1. Sinfoniekonzert: 26. September, 20 Uhr, Großes Haus "Sweeney Todd": 27. September, 19 Uhr, Walzwerk Trier cwebExtra

Aus brandschutzrechtlichen Gründen ist die Zuschauerzahl bei den "Zauberberg"-Aufführungen im Walzwerk in der Brühlstraße in Trier-Kürenz auf 99 begrenzt. Deshalb wird es nach der Premiere am 18. September 18 weitere Vorstellungen geben, jeweils um 19.30 Uhr im Walzwerk.
Die Termine: 30. September, 16., 21., 24., 27. und 31. Oktober, 17., 27. und 30. April, 6., 7., 8., 15., 22., 28., und 31. Mai sowie 3. und 5. Juni.
Karten gibt es unter Telefon 0651/7181818 oder per E-Mail an theaterkasse@teatrier.de
Mitwirkende beim "Zauberberg": Regie: Christina Friedrich, Bühne: Anton Unai, Kostüme: Lara Scherpinski, Musik: Mark Scheibe, Fritz Spengler; Dramaturgie: Ulf Frötzschner/Adrian Jager, Ensemble: Julian Michael Boine, Claudio Gatzke, Gina Haller, Juliane Lang, Nadia Migdal, Ronja Oppelt, Christian Beppo Peters, Gitte Reppin, Tilman Rose, Barbara Ullmann.
Eine klare Rollenverteilung im elfköpfigen Ensemble gibt es laut Schauspielchef und Dramaturg Ulf Frötzschner noch nicht: "Die Schauspieler suchen sich im Laufe der Proben ihre Rollen." Für die Regie war im Spielzeitheft ursprünglich Wojtek Klemm angekündigt worden. Dieser habe aber wegen des frühen Probenbeginns "aus terminlichen Gründen" passen müssen. Laut Frötzschner ist die Zusammenarbeit mit ihm "nur auf später verschoben". cweb

Extra Neun Premieren an drei Wochenenden

Mit neun Premieren an drei Wochenenden und dem ersten Sinfoniekonzert beginnt das neue Theaterteam um Intendant Karl Sibelius ab Freitag, 11. September, seine erste Spielzeit in Trier.
Unter dem Motto "Premierenfieber" stellt der Trierische Volksfreund die Stücke vor. Hier eine Übersicht über die September-Premieren (gefettet ist jeweils das Stück, das im dazugehörigen Artikel vorgestellt wird):
„Alles bleibt anders“: 11. September, 18 Uhr, Großes Haus
"UR_": 11. September, 20.30 Uhr, Großes Haus
„Molière“: 12. September, 20 Uhr, Großes Haus
"Mistral": 13. September, 20 Uhr, Großes Haus
"Der Zauberberg": 18. September, 19.30 Uhr, Walzwerk Trier
"Fidelio": 19. September, 19.30 Uhr, Großes Haus
<span style="line-height: 17.4px;">&bdquo;Thalamus“: 20. September, 19 Uhr, Großes Haus
<span style="line-height: 17.4px;">&quot;Ruhr-Ort": 25. September, 19.30 Uhr, Großes Haus
1. Sinfoniekonzert: 26. September, 20 Uhr, Großes Haus
&quot;Sweeney Todd": 27. September, 19.30 Uhr, Walzwerk cweb