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Warum der neue Reclam-Kunstführer zu Trier nicht hält, was er verspricht

Neuer Kunstführer : Kompaktes Kunst-Wissen mit manchem Lapsus

Warum der neue Reclam-Kunstführer zu Trier nicht hält, was er verspricht.

Stadtführer gibt es jede Menge zu Trier, und doch ist gerade ein neues Bändchen erschienen, das sich von anderen abhebt. Er passt in jede Tasche, ist kleiner als eine Hand, kunststoffbeschichtet pflegeleicht und wiegt nur 152 Gramm. Und dafür stecken unglaublich viele Informationen in dem Werk, das die Stadt in Rundgängen erschließt, kunsthistorisch einordnet und beschreibt. Autor Jürgen von Ahn – Leiter des Römermuseums Pachten in Dillingen/Saar mit Wohnsitz Trier – bringt die Architektur und Kunst aus mehr als zwei Jahrtausenden kompakt und klar gegliedert auf den Punkt, sodass es sich für eine komplette Lektüre genauso eignet wie für punktuelles Nachschlagen, auch dank der (allerdings wenigen) Illustrationen wie Aquarellen von Johann Jakob Lothary (um 1800), dem Trebeta-Gemälde von der legendären Stadtgründung (17. Jahrhundert) oder dem römischen Polydos-Mosaik.

Allerdings versteigt sich der Autor stellenweise zu gewagten Thesen, wo Zweifel angebracht wären, und leistet sich einige handfeste Fehler. Um nur einige zu nennen: 100.000 Einwohner in der Antike? Experten wie der Historiker Professor Lukas Clemens schätzen die Einwohnerzahl von Augusta Treverorum auf 40.000, zumal hier, anders als in Rom, nicht so viele Geschosse aufeinandergesetzt wurden und das Stadtgebiet Freiflächen enthielt. Das Dreikönigenhaus aus dem 12. Jahrhundert? Es datiert auf 1230, die Zeit des Übergangs von der Romanik zur Gotik (auch dendrochronologisch belegt), wie er sich zwischen erster und zweiter Etage, zwischen Rund- und Spitzbögen ablesen lässt. Die Steipe anfangs ein Rathaus? Selbiges gab es doch bereits am Kornmarkt. Und es war als Fest- und Empfangshaus der Trierer Ratsherren auch zu klein. Dass der Dom bereits unter Kaiser Gratian fertiggestellt und von den Franken zerstört wurde, passt nicht zu den jüngsten Forschungergebnissen im Vorfeld der „Untergang“-Ausstellung. Wer eine Führung durch die Ausgrabungen von St. Maximin unternehmen möchte, bucht dies über die Dom-Information, nicht das Museum am Dom. Und bei Porta Nigra und Basilika sind die Himmelsrichtungen durcheinandergeraten. Beim versuchten Abriss des einstigen Thronsaals blieben im Jahr 1614 West- und Nordwand bestehen, nicht Ost- und Südwand. Und die Fallgitter, mit denen römische Soldaten Angreifer im Zwinger der Porta festsetzen konnten, befinden sich auf der Landseite, nicht in Richtung Stadt. Dass obendrein der Karneval in Trier bereits am Rosenmontag nach den Umzügen endet, werden nicht nur Biewerer und Wuppdus-Anhänger für ausgeschlossen halten. Erst am Aschermittwoch ist bekanntlich alles vorbei.

Fazit: Mit mehr Sorgfalt hätte dies ein praktischer Begleiter für Touristen und Einheimische werden können.                                                           Anne Heucher

Jürgen von Ahn, Trier. Architektur und Kunst. Reclams Städteführer, 2022, 204 Seiten, 26 Farbabbildungen, 5 Karten, 12,80 Euro.