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Warum der Unesco-Titel Weltkulturerbe für Trier so wichtig ist

Interview : Trierer Römerbauten stehen neben Pyramiden und Olympia - Warum der Weltkulturerbe-Titel so wichtig ist

Der Chef der Römerbauten erklärt, warum der Unesco-Titel für die Stadt so wichtig ist und welche weiteren Bauten ihn verdient hätten.

Dieser Tage entscheidet das Unesco-Komitee in China darüber, ob die mittelalterlichen Stätten jüdischen Lebens in Speyer, Worms und Mainz, die sogenannten SchUM-Städte, Weltkulturerbe werden. Ein Anlass, auf die überwiegend römischen Bauwerke in Trier zu blicken, denen vor 35 Jahren dieser Titel verliehen wurde. Was bringt die Auszeichnung? Was sind die Haken? Dr. Karl-Uwe Mahler von der Stabsstelle Römerbauten im Trierer Zentrum der Antike spricht im TV-Interview über die permanenten Baustellen, den Balanceakt zwischen Schutz und Nutzung der alten Gemäuer und den Wert der Popkultur bei der Vermittlung historischer Themen.

Herr Mahler, Sie sind sozusagen der Chef der Römerbauten in Trier. Wie schützen Sie dieses Erbe?

KARL-UWE MAHLER Der ganz wesentliche Schutz liegt in der ständigen Beobachtung der Gebäude, um auftretende Schäden schnell zu erkennen und zu sichern. In Trier laufen ja seit vielen Jahren die Restaurierungs- und Sanierungsarbeiten, die sich unschönerweise dann auch in Gerüsten ausdrücken. Aber die Gerüste stehen für Maßnahmen zum Schutz und Erhalt der Römerbauten.

Es gibt hier insgesamt neun Stätten Weltkulturerbe. Für welche sind Sie verantwortlich?

MAHLER Ich bin verantwortlich für die landeseigenen Baudenkmäler, und das sind vor allem die römischen Bauten. Dom und Liebfrauenkirche sind im Eigentum des Bistums. Interessant ist die Situation bei der Konstantin-Basilika. Es handelt sich um einen Patronatsbau des Landes, der zur ständigen Nutzung der Evangelischen Kirche übergeben wurde. So sind selbstverständlich immer die Belange und Gottesdienste der Gemeinde zu berücksichtigen. Bei der Römerbrücke drittelt sich die Verantwortung. Das Land ist zuständig, dann die Stadt Trier und die Bundesrepublik Deutschland. In der Zuständigkeit des Landes, also der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (GDKE), liegen Igeler Säule, Barbarathermen, Kaiserthermen, Amphitheater und Porta Nigra.

Was hat die Region eigentlich davon, dass die Bauwerke Weltkulturerbe sind? Ist das mehr als ein schönes Etikett für Touristen?

MAHLER Das ist die Kernfrage, die sich immer stellt: Was bringt es uns? Mit der Eintragung in die Unesco-Weltkulturerbe-Liste ist man ganz oben mit dabei – wir können in einem Atemzug mit den Pyramiden, dem Taj Mahal, Olympia oder Versailles genannt werden. Dieser ideelle Wert ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Die Aufmerksamkeit sowohl auf lokaler Ebene als auch auf nationaler und internationaler Ebene erhöht sich ganz maßgeblich. Gerade in diesen Krisenzeiten von Corona haben wir gemerkt, wie wichtig den Menschen Kultur ist, wie identitätsbestimmend sie für den Einzelnen ist. Gleichzeitig ist der Effekt für den Tourismus sehr groß. Unesco ist schließlich auch eine ganz wichtige große „Marke“, die ausgesprochen positiv besetzt ist. Man wird zu einem Ort, den die Weltgemeinschaft als so erhaltenswert sieht, dass sie ihn – gemeinsam mit lokalen Akteuren – schützen möchte. Das führt dazu, dass viele Menschen aus aller Welt sich diesen Ort anschauen wollen.

Der Schutz des Welterbes verhindert zum Beispiel Dächer auf Amphitheater und Barbarathermen, aber umgekehrt nicht, dass täglich Tausende Autos über die Römerbrücke fahren dürfen. Ihr Job scheint eine ständige Gratwanderung zwischen widerstreitenden Interessen zu sein.

MAHLER Die Herausforderung ist, dass die Denkmalpflege kein Hemmschuh sein will, sondern Anwalt der Denkmäler. Kreative Lösungen sind gefragt, und die können nur im Gespräch miteinander gefunden werden.

Wäre das Amphitheater kein Weltkulturerbe, hätten wir vielleicht noch die Antikenfestspiele, weil man dann unter Dächern auf den Rängen sitzen könnte? In den 90er Jahren kamen Tausende dafür nach Trier.

MAHLER Man muss Lösungen finden, bei denen man wie zum Beispiel aktuell nur die Arena bespielt. Gerade im Moment sieht man ja leider sehr deutlich, welche dramatischen Schäden starker Regenfall auslösen kann. Das muss man sich bewusst machen, wenn man diese Ränge, die keine feste Materialsubstanz haben, nutzen wollte. Die Grasnarbe, die im Moment alles zusammenhält, würde stark beeinträchtigt und beschädigt. Das muss man bedenken. Das spricht natürlich nicht grundsätzlich gegen Veranstaltungen dort, die ja auch stattfinden. Es ist zum Beispiel schön zu sehen, wie sich an einem Samstagnachmittag Besucherinnen und Besucher setzen, um den lebendigen Proben der Gladiatorenschule zuzuschauen. Man muss eben einen Kompromiss finden zwischen Schutz und Erhalt der historischen Stätte einerseits und dem Wunsch nach Aktivitäten andererseits.

Vor zwei Jahren wurde ein Managementplan angekündigt, den die Unesco fordert. Darin muss festgeschrieben werden, was im Umfeld der Welterbestätten erlaubt ist und was nicht. Wie weit ist der?

MAHLER Man braucht für diesen Managementplan verschiedene Bausteine. Ein wichtiger Baustein ist eine Pufferzonen-Kartierung. Ein erster Entwurf ist derzeit in der Abstimmung.

Was sind die Knackpunkte?

MAHLER Der Zuschnitt der Pufferzonen. Eingetragen als Welterbe sind ja nur die Gebäude selbst, zum Teil nur die Ruinen der Gebäude. Es sind aber auch zum Beispiel Sichtachsen auf das historische Erbe zu berücksichtigen.

Apropos Sichtachsen: Wenn man jetzt in den Kaiserthermen durch die Fenster des Caldariums schaut, blickt man auf einen neuen Wohnkomplex mit badezimmergrünem Glas. Ist das ein angemessenes Umfeld für ein Weltkulturerbe?

MAHLER Ich war zu dieser Zeit noch nicht in Trier, kenne die damals abgelaufenen Abstimmungs- und Entscheidungsprozesse leider nicht im Detail.

Wird es nach dem künftigen Managementplan noch möglich sein, in unmittelbarer Nähe der Kaiserthermen einen solchen Wohnkomplex zu errichten?

MAHLER Die Frage ist nicht zwingend, ob grundsätzlich Wohnbebauung möglich ist oder nicht, sondern in welcher Form dort Wohnbebauung stattfinden könnte. Das Welt­erbe darf eben nicht beeinträchtigt werden.

Gehen wir mal zur Römerbrücke: Ist sie nicht die einzige Römerbrücke nördlich der Alpen?

MAHLER In dem Erhaltungszustand wüsste ich nichts Vergleichbares.

Darüber fahren, wenn sie fertig saniert ist, wieder Tausende Autos täglich. Verträgt sich das mit dem Weltkulturerbe?

MAHLER Es gibt erfreulicherweise Untersuchungen von Stadt und Land zur Standsicherheit, also der Frage, inwieweit der Verkehr die Brücke verändert oder die Tragfähigkeit beeinträchtigt. Die Brücke ist wohl in gutem oder befriedigendem Zustand. Prinzipiell wäre natürlich schon ein Verkehrskonzept schön, bei dem dieses historische Denkmal entlastet würde. Die Schwierigkeit: Die Brücke ist für die Stadt ein ganz wichtiger Übergang. Das heißt, es müsste eine Lösung gefunden werden, die diesen Anspruch des Zubringers erfüllt. Im Prinzip soll ein Unesco-Welterbe neben der Bewahrung und dem Schutz der Tradition auch gegenwärtige Interessen berücksichtigen, aber auch den Blick auf die Zukunft richten, wohin man will. Da sind entsprechende kreative Verkehrskonzepte gefragt.

Wohin will man denn mit dem Welterbe?

MAHLER Die Diskussion läuft. Aus dem Blick der Denkmalpflege geht es um Schutz, Erhalt, Erforschung und Vermittlung dieser Denkmäler. Es gibt auch immer wieder Konfliktpunkte bei Themen, die für die Menschen neben ihrer kulturellen Identität wichtig sind: Schulen, Verkehr usw. Das muss in Einklang gebracht werden.

Die Stadt Trier ist hochverschuldet. Hat die Flickschusterei beim Bodenbelag  auf dem Porta-Nigra-Vorplatz oder der starke Busverkehr rund um das Bauwerk nicht auch damit zu tun?

MAHLER Gerade für die Porta Nigra gab es einen städtebaulichen Wettbewerb vor einiger Zeit. Es gibt dort auch einen Preisträger. Die Frage ist, wann das Konzept umgesetzt wird.

Viele Menschen haben noch im Gedächtnis, wie Dresden seinen Welt­erbe-Status für das Elbtal wegen eines Straßenbaus verlor. Gab es für Trier auch schon handfeste Konflikte mit der Unesco?

MAHLER Meines Wissens nicht. In Dresden gab es einen ganz erheblichen Eingriff. Wenn es bei der Restaurierung und Sanierung in Trier Probleme gibt, dann werden die Fachleute von Icomos (internationale Nichtregierungsorganisation für Denkmalpflege mit Sitz in Paris)  oder der Archäologischen Trier-Kommission hinzugezogen. Es ist ein sehr komplizierter Prozess der Entscheidungsfindung, bei dem viele Akteure beteiligt sind. So war es auch bei den aktuellen Arbeiten in den Kaiserthermen, als an den hochaufragenden Mauern Schäden festgestellt wurden, die zu einem Herabstürzen von Mauerteilen hätten führen können. Damit keiner verletzt wird, wenn die Bereiche zukünftig wieder zugänglich sein werden, sind hier entsprechende Sicherungsmaßnahmen notwendig.

Ist bei den Barbarathermen daran gedacht, die Dächer wieder zu entfernen?

MAHLER Ja, so ist das manchmal mit Provisorien. Geplant ist, mit Fortschreiten der Sanierungsarbeiten die Dächer rückzubauen. Auch die Einrichtung des Stegs ist nur ein Provisorium, aber meiner Meinung nach ein gutes, weil er in vielerlei Hinsicht – auch als Verbindungsweg zum angrenzenden Viertel – genutzt wird.

Es gibt ja vom römischen Trier genug, was man noch ergraben könnte. Macht sich irgendwer eigentlich noch Hoffnungen, eines Tages ein Stück vom Circus Maximus zu finden?

MAHLER Immer (lacht). Die Landesarchäologie immer.

Als der Welterbetitel 1986 verliehen wurde, waren die Viehmarktthermen noch nicht ausgegraben. Gibt es Bestrebungen oder macht es überhaupt Sinn, diese nachträglich in das Weltkulturerbe Trier aufzunehmen?

MAHLER Es kommt natürlich immer wieder die Frage auf, ob man das machen möchte. Die Unesco hat Trier schließlich bescheinigt, das Welterbekriterium III zu erfüllen, bei dem ein außergewöhnliches Zeugnis einer untergegangenen – der römischen – Kultur gegeben ist. Problem ist, dass man dann auch diskutieren müsste, ob noch andere römische Hinterlassenschaften mit aufgenommen werden. St. Maximin ist zum Beispiel so ein weiteres Juwel Triers. Als großer Coemeterialbau (Grabbau) nördlich der Alpen ist er einzigartig. Aber die Einbeziehung ins Welterbe wäre mehr als nur eine leichte Änderung, es müssten unterschiedliche Interessenlagen berücksichtigt werden. In St. Maximin nutzt ja zum Beispiel aktuell eine Schule das Gelände des Bistums.

Heute kann man mit Animation sehr viel zeigen, ohne einen Stein bewegen zu müssen. Da gibt es Apps, die vorhandene Grabungsreste virtuell vervollständigen. Wie nutzen Sie diese Möglichkeiten für die Präsentation der Römerbauten?

MAHLER Wir haben in den letzten Jahren einige virtuelle Inhalte bereitgestellt – im Amphitheater, in den Kaiserthermen, der Porta Nigra oder der Ausstellung „Spot an“. Jedoch wollen wir kein Disneyland. Ich habe großes Verständnis für den Wunsch, mit virtuellen Rekonstruktionen mehr Anschaulichkeit zu erreichen. Aber davor muss erst einmal intensiv recherchiert werden, was man wie zeigen kann. Das erfordert umfangreiche Forschungsarbeit im Vorfeld. Eine Virtual-Reality-Realität, die relativ frei ist, würde zu einem vollkommen falschen Eindruck der Antike führen. In der Vermittlung der römischen Bauten geht es hauptsächlich darum, ein möglichst realitätsnahes Bild zu vermitteln.  Das werden wir natürlich nie ganz schaffen, aber die Forschung, die ja hier in Trier seit über 100 Jahren verfolgt wird, muss in den Prozess der Rekonstruktion eingebracht werden, um der „Wahrheit“ möglichst nahe zu kommen. Wir möchten das Welt­erbe aber daneben auch weiterhin analog – wie zum Beispiel mit dem neuen Kirchenmodell in der Porta Nigra – vermitteln.

Dieses Jahr ist das 35. Jubiläum des Weltkulturerbes. Ein Grund zum Feiern?

 Karl-Uwe Mahler, Direktor des Zen- trums der Antike.
Karl-Uwe Mahler, Direktor des Zen- trums der Antike. Foto: Anne Heucher

MAHLER Wir feiern angesichts von Corona mit verschiedenen kleinen Formaten, Vorträgen und Blog-Beiträgen. Das 40. Jubiläum soll wieder größer begangen werden.