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AUFGESCHLAGEN – NEUE BÜCHER
Was vom Kriege übrigbleibt

Frank Goldammer, Vergessene Seelen. Deutscher Taschenbuch Verlag, 384 Seiten, 15,90 Euro.
Frank Goldammer, Vergessene Seelen. Deutscher Taschenbuch Verlag, 384 Seiten, 15,90 Euro.
Seit drei Jahren ist der Krieg vorbei, aber die Narben sind noch sichtbar, und manche Wunden bluten sogar noch. Max Heller, Kriminalkommissar bei der Dresdner Polizei, den die Leser seit dem Feuersturm auf Dresden 1945 und durch die ersten Monate der Nachkriegszeit bei bislang zwei Fällen begleitet haben, ermittelt nun in seinem dritten Fall.

Es geht um Kinder, die in dubiose Geschäfte mit der Weltkriegsdroge Pervitin verwickelt sind, um Kriegsgewinnler und -versehrte, familiäre Misshandlungen, alte Nazis und neue Kommunisten, um mehrere Todesfälle, denen der Beamte zunächst auf falschen Spuren hinterher ermittelt, und immer wieder auch um die privaten und persönlichen Befindlichkeiten von Heller, seiner Frau Karin, der Adoptivtochter Anni und dem leiblichen Sohn Klaus. Der arbeitet mittlerweile für den DVdI, dem „Ministerium des Inneren, das für Volkspolizei und Kampfgruppen zuständig war“, wie das beigefügte Glossar erläutert, in dem die inzwischen meist unbekannten Abkürzungen erläutert werden. Und damit steht der Sohn in direkter Konkurrenz zur Polizei und seinem Vater, was natürlich für zusätzliche innerfamiliäre Konflikte sorgt.

Frank Goldammer hat sich für seinen dritten „Dresden“-Krimi, „Vergessene Seelen“,  eine Menge Themen in den Zettelkasten gelegt. Da bleiben die politischen Zeitläufte – in Berlin grenzen sich die Sektoren immer mehr voneinander ab, im Westen soll eine neue Währung eingeführt werden, was die Bewohner des Ostens um ihr eigenes Geld fürchten lässt – lediglich Randerscheinungen, die für den eigentlichen Kriminalfall kaum eine Rolle spielen. Und so ist es auch kein Wunder, dass der Leser bei der Personen- und Ereignisfülle schon mal den Überblick verliert, wenn er Heller und seinem treu ergebenen Assistenten Werner Oldenbusch bei den Ermittlungen durch die zerstörten Straßen und in die Ruinen folgt, in denen dunkle Gestalten noch dunklere Geschäfte machen.

Leider fehlt es den „Vergessenen Seelen“ – womit die verlassenen und teils verwahrlosten Kinder gemeint sind – an der Spannung der vorhergehenden Fälle; auf halber Strecke verliert man fast die Lust auf die dann doch ziemlich konstruiert wirkende Lösung und hangelt sich eher mühevoll durch die restlichen Seiten.

Noch ärgerlicher ist allerdings die Nachlässigkeit, mit der das Manuskript für den Druck freigegeben wurde. Wie ein roter Faden ziehen sich grammatikalische, syntaktische und Druckfehler durch den Roman, die keinem Lektor aufgefallen sind. Sollte Max Heller in einem vierten Fall Ermittlungen aufnehmen, müssen sich alle Beteiligten ordentlich am Riemen reißen, damit wieder Schwung in die Handlung und Sorgfalt in Endfertigung fließen können.

Rainer Nolden