Warum Sie das (nicht)wissen müssen

Warum Sie das (nicht)wissen müssen

TRIER/ATZERATH. Kaninchenfloh, schottischer Sand & Co.: Täglich erscheint die TV-Kolumne "Das müssen Sie (nicht) wissen". Die skurrilen Wissenssplitter sind – das bezeugen zahlreiche Leser – sehr beliebt. Der TV hat mit Hanswilhelm Haefs, dem Autor des "Ultimativen Handbuchs des nutzlosen Wissens", über nackte Tatsachen gesprochen.

"Der erigierte Penis des Kaninchenflohs ist der komplizierteste aller bekannten Penisse" oder "In Ägypten grüßt man einander ,Wie schwitzest du?'": Herr Haefs, was genau macht dieses Wissen nutzlos?Hanswilhelm Haefs: Was nützt es Ihnen, dass Sie diese Dinge wissen, wenn Sie den Zusammenhang nicht kennen? Das Faktum ist herausgelöst aus seinem Kontext zwar witzig, aber es hat keinen Wert. Erst, wenn Sie wissen, warum Ägypter sich so grüßen, wird das Wissen wertvoll. Sie sind Wissenschaftler und haben sich - als Chefredakteur des "Archivs der Gegenwart" oder Herausgeber des "Fischer-Weltalmanachs" - jahrzehntelang darum bemüht, elementares Wissen zusammenzutragen. Was reizte Sie plötzlich an nutzlosem Wissen?Haefs: Im Welthandelsregister fiel mir eines Tages auf, dass Saudi-Arabien Sand aus Schottland importiert. Und plötzlich merkte ich, wie komisch das war. Da gingen mir die Augen auf: Wenn ich Informationen aus ihrem Kontext löse - zum Beispiel nicht erkläre, dass Saudi-Arabien den besonders harten schottischen Sand zum Sandstrahlen benötigt - ergeben sie die witzigsten Formulierungen. Daraufhin trieb mich meine Neugier von Groteskerie zu Groteskerie. Ihre Bücher und die daraus schöpfende TV-Kolumne "Das müssen Sie (nicht) wissen" sind sehr beliebt. Wie erklären Sie sich das?Haefs: Ich vermute, es handelt sich um das gleiche Phänomen, das auch mich daran reizt. Welche der zigtausend Informationen, die Sie zusammengetragen haben, hat Sie selbst am meisten erstaunt? Haefs: Am meisten erstaunt hat mich die Einsicht, wie grotesk eine nackte Tatsache wirkt. Wenn ich mir vorstelle, dass eine Schnecke bis zu 25 000 Zähne hat - auf der Zunge - solche Fakten sind wissenschaftlich einwandfrei, aber wie grotesk! Und dann beginnt man zu fragen: Warum? Und wenn Sie sich angewöhnt haben zu fragen warum, geraten Sie schnell an die Grenze dessen, was der Mensch erklären kann. Man sieht irgendwann ein, dass die absolute Wahrheit nicht erreichbar ist. Sie leben in einem kleinen belgischen Dorf in der Nähe St. Viths, sind Autor zahlreicher zeitgeschichtlicher Dokumentensammlungen, übersetzen internationale Bestseller und sammeln nutzloses Wissen. Sie sind offenbar sehr beschäftigt. Haefs: Nein, ich bin überhaupt nicht beschäftigt! Ich tue so vor mich hin und habe überhaupt niemanden im Nacken als meine Neugierde. Ich stehe früh auf, schreibe bis mittags und gehe nachmittags bestimmten Fragen nach: Gerade beschäftige ich mich mit Roland und dem Rolandslied. Ich bin seitdem schon auf ungefähr 200 historische Rolande gestoßen. Womit werden Sie sich in der nahen Zukunft beschäftigen? Haefs: Ich habe hier mein 7000-seitiges Manuskript zur deutschsprachigen Ortsnamenskunde liegen. Und jedesmal wenn ich anfange, einen der rund 50 Bände druckfertig zu machen, fallen mir wieder neue Fragen ein, denen ich nachgehen muss. Wer beispielsweise waren die Räter? Oder warum heißt Wittelsbach Wittelsbach, obwohl es dort gar keinen Bach gibt? Welches Wissensgebiet begeistert Sie am meisten? Warum?Haefs: Mich fasziniert die Siedlungsgeschichte des Menschen. Der Frage nachzugehen: Warum haben sich Menschen hier niedergelassen und gesagt, "diesen Ort nennen wir Schöneberg oder Luxemburg"? Warum war der Berg für sie schön? Weil er fruchtbar war? Oder weil die Sonne draufschien? Oder Luxemburg. Es kann nicht sein, dass sich das Wort von "Lützelburg", also kleine Burg, ableitet. Kein Herrscher wäre so bescheiden, behaupten zu wollen, er lebe in einer kleinen Burg. Wenn man so die Details untersucht, lösen sie sich schnell in die Splitter des nutzlosen Wissens auf. Und mit jeder neuen Frage wird die Geschichte undurchsichtiger - aber amüsanter. j Die Fragen stellte unser Redaktionsmitglied Katharina Hammermann.

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