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Was die Corona-Zeit uns über Freundschaften offenbart

Freundschaft : Geht‘s euch gut?

Freunde haben weniger Kontakt, dafür mehr Austausch über die Sozialen Medien. Aber nichts geht über eine richtige Umarmung.

Wohl dem, der eine Freundin hat, die selbstgemachte Marmelade vor der Haustür abstellt –, die auch noch schmeckt. Eine kleine Freude zum Anfassen ist in den vergangenen Wochen eher selten gewesen. Dafür wurde und wird vermutlich kaum eine Frage häufiger gestellt als: „Geht‘s euch gut?“ Die Drähte laufen heiß. SARS-CoV-2  schafft, was lange nicht klappen wollte: Es ist auf einmal Zeit da, sich nach alten Bekannten und Freunden zu erkundigen. Das schlechte Gewissen, sich lange nicht gemeldet zu haben, hat ein Ende.

Die Menschen besinnen sich auf einander und melden sich sogar bei jenen, zu denen der Kontakt schon lange eingeschlafen war. Warum hat sich alles so auseinander gelebt? Sicher nicht, weil Freunde weit weg wohnen. Entfernungen dürfen unseren sozialen Beziehungen nichts anhaben. Wir sind mobil, leben international und weltoffen. Gemeinsame Reisen in Gruppen sind zu einer Lieblingsbeschäftigung geworden. Nach Ischgl zum Skifahren? Nach Mallorca zum Feiern? Alles auf Eis gelegt – das müssen Freundschaften jetzt aushalten.

Aber gerade die verkraften einiges, geht es nach dem Kulturjournalisten und Moderator Jo Schück. Er hat darüber ein Buch geschrieben: „Nackt im Hotel. Wie Freundschaft der Liebe den Rang abläuft“ (dtv, 14,90 Euro). Schück stellt darin die These auf, die Freundschaft sei die einzig beständige Bindung. Sie gebe den Halt, den wir in unserem familiären Umfeld und in Liebesbeziehungen nicht mehr finden. Frau weg, Kumpel tröstet? Gesellschaft unüberschaubar, Freundin gibt Ratschläge? Der Autor fasst in einem Youtube-Interview zu seinem Buch zusammen, welche Frage sich jeder stellen sollte: Was wäre mein Freund oder meine Freundin bereit, „Krasses“ für mich zu tun? Würde er oder sie alles stehen und liegen lassen, wie in einer Kurzgeschichte aus seinem Buch und einen auf einer Autobahnraststätte in Südfrankreich abholen? Die Frage sei nicht, was ein Freund oder eine Freundin schon einmal für einen getan hat, sondern, ob man daran glaubt, dass er oder sie, sollte es nötig sein, es tun würde. Und für wen sei man selbst bereit, so etwas zu tun?

Der Duden schreibt: „Freundschaft ist ein auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander.“ Viele Definitionen und oft eine Erkenntnis: Wirklich gute Freunde sind rar, mit etwas Glück vielleicht eine Handvoll.

Dank Skype, Zoom, Facebook, E-Mails und allem, was es sonst noch so gibt, ist das Kontakthalten während der Coronakrise einfach geworden. Meinen täglichen Link schick mir heute: Es rauschen heran Einladungen zu Vorträgen, Hinweise auf Videos und Artikel oder Alltagstipps. Sollte der Schreibtisch im Homeoffice nicht die richtige Höhe haben, wie wäre es mit einem Foto, auf dem ein Mann an einem höhenverstellbaren Bügelbrett arbeitet? Wer nicht überall vertreten ist, erntet auch schon mal ein seltsam klingendes „Ach, du bist ja nicht bei WhatsApp“. Bloß nicht rechtfertigen! Das Leben geht auch ohne WhatsApp-Gruppe weiter, in der Fotos mit selbstgenähtem Mund- und Nasenschutz ausgetauscht werden. Dazu zu gehören, ist nicht alles. Daran hat sich seit der Ferienfreizeit oder der Klassenfahrt nichts geändert.

Eine Blitzumfrage unter Freunden zeigt, dass die Vorzüge der Digitalisierung gerade sehr geschätzt werden. Es geht in Gesprächen immer öfter um Existenzängste, um schlaflose Nächte. Freunde werden zum Coach und machen Mut, gehen gemeinsam auf Ideensuche, wie man sein Geschäft aufrechterhalten und man sich vernetzen kann. „Das ich mich nicht schlecht fühle, hat auch mit meinem Umfeld zu tun“, sagt eine Freundin und ist dankbar. Es gebe gerade die Gelegenheit, sich auf das Wesentliche zu  konzentrieren. Was bleiben werde, sei die Frage, was man dauerhaft über die neuen Medien erledigen könne und die Frage „Wo muss ich unbedingt noch selbst hin?“

Keine Wege und dennoch viel Kommunikation, das ist alles sehr praktisch. Aber wo bleibt die Nähe? Die Wissenschaft sei sich einig, dass sich soziale Kontakte positiv auf das Allgemeinbefinden auswirken, dass sich Menschen mit einem stabilen sozialen Umfeld glücklicher fühlten, sagt Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry. Die Lernforscherin an der Universität Trier mit den Schwerpunkten Motivation und Positive Psychologie findet es natürlich besser, derzeit Kontakt über die Sozialen Medien zu pflegen, als überhaupt keinen Austausch zu haben. „Man möchte ja auch nach der Krise noch Freunde haben.“ Aber virtuelle Sozialkontakte seien nur ein Ersatz. Es sei eine große Tragik für das Glücksempfinden, keine wahrhaftigen Umarmungen zu spüren, sagt die Expertin.

Übrigens: Das Glas mit der Himbeermarmelade steht noch ungeöffnet da. Pfirsich ist schon lange aus. Freundschaft ist eben nicht immer unbeschwert, und Doppelkopf geht nur zu viert – am liebsten zusammen am Tisch wie früher. Nur Geduld! Birgit Markwitan