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Was soll das Theater! - Warum der Trierer Intendant Karl M. Sibelius - mit 40 Jahren Verspätung - provozieren muss

Im Kampf um gesellschaftliche Aufmerksamkeit: Schauspieler Tilman Rose suhlt sich in einer Szene der Trierer “Molière„-Inszenierung in Farbe, die auf dem Bühnenboden verteilt ist. Foto: Vicenco Laera
Im Kampf um gesellschaftliche Aufmerksamkeit: Schauspieler Tilman Rose suhlt sich in einer Szene der Trierer “Molière„-Inszenierung in Farbe, die auf dem Bühnenboden verteilt ist. Foto: Vicenco Laera
Trier. So hat das Theater Trier noch nie polarisiert. Mit Intendant Karl M. Sibelius ist ein neuer ungewöhnlicher Stil am Augustinerhof eingezogen. Doch was steht hinter der Lust, die Zuschauer mit Kunstblut und Knalleffekten zu provozieren? Frank Jöricke

Das hat es noch nie gegeben. Die Trierer Bürger toben. Die sonst so gemütliche moselfränkische Volksseele kocht. Die Leserbriefspalten sind voll. Theatermacher werden öffentlich beschimpft. Dabei fallen Sätze wie "Warum schänden Sie nicht kleine Mädchen?" Als dann auch noch Handzettel verteilt werden mit der Aufforderung "Helfen Sie mit, den Trierer Dom abzureißen!" ist das Maß voll: Der Dramaturg muss gehen - willkommen im Jahr 1966! Hans Neuenfels hieß jener gefeuerte Regisseur, über den sogar der Spiegel berichtete.

Danach herrschte Ruhe am Augustinerhof. Hier und da mal ein Skandälchen, wenn ein Schauspieler sich eine Plastiktüte über den Kopf zog oder eine Akteurin kurz nackt über die Bühne lief. Doch über solche Petitessen konnte man jenseits von Eifel und Hunsrück nur matt lächeln. Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, was derzeit am Theater Trier passiert. In "Fidelio" und "Molière" spritzt mehr rote Farbe als in Quentin Tarantinos "Kill Bill". Die "Zauberberg"-Aufführung entpuppt sich als dreistündige Werksbesichtigung, bei der die Zuschauer als Statisten ranmüssen, feste Sitzplätze Fehlanzeige. Und die zeitgenössische, also schräge, dissonante isländische Oper "Ur_" erlebt ausgerechnet in Trier ihre Weltpremiere.

Während andernorts Sparten und Häuser dichtgemacht werden, herrscht hier eine Aufbruchsstimmung, wie man sie an deutschen Theatern zuletzt in den Hoch-Zeiten von Peter Zadek und Claus Peymann erlebt hat - und das war in den 70ern und 80ern. Damals durchlebte die Institution Theater eine Sinnkrise. Denn die Alleinstellung, die man jahrzehntelang genossen hatte, war dahin.

Bis in die 60er Jahre hinein hatte es eine messerscharfe Trennung zwischen intellektuellem Ernst (E-Kultur) und seichter Unterhaltung (U-Kultur) gegeben. Das gemeine Volk verlustierte sich in Lichtspielhäusern bei Heimatschnulzen und Western, während im Theater Grundfragen des Lebens erörtert wurden - und immer noch werden. So viel Anspruch muss sein; darunter macht es bis heute kein Theatermacher.

Wenn Intendant Karl M. Sibelius das Theater als Haus sieht, das "der Gesellschaft einen Spiegel vorhält" und als "Geschenk, sich mit der Vielfalt des Menschseins auseinandersetzen zu dürfen", dann drückt er in blumigeren Worten nur das aus, was Schiller bereits 1803 über diesen Ort und seine Akteure sagte: Hier bewegt man sich "auf Brettern, die die Welt bedeuten."

Hollywood macht Konkurrenz

Bloß gilt das seit den späten 60ern nicht minder fürs Kino. Auch Filme wie "Die Reifeprüfung", "Easy Rider" oder "Uhrwerk Orange" hielten der Gesellschaft einen Spiegel vor. Mit dem Unterschied: Sie erreichten nicht Tausende, sondern Millionen von Menschen. Ein Hollywoodstreifen wie "MASH" trug in Zeiten des Vietnamkriegs mehr zur Wehrkraftzersetzung bei, als dies ein noch so radikales Theaterstück vermocht hätte.

In diesem Kampf um gesellschaftliche Aufmerksamkeit hatte das Kino - dank seiner Massenansprache - einen klaren Wettbewerbsvorteil. Intendanten wie Zadek oder Peymann erkannten dies. Das Theater musste in die Schlagzeilen, egal wie! Also verwandelten sie die Bühne in ein Schlachtfeld. Der brave Bildungsbürger wurde systematisch geschockt, verstört, verprellt - und es funktionierte. Zuschauer verließen empört den Saal. Zeitungen berichteten von dem "Skandal", der prompt die Neugier jener weckte, die normalerweise nicht ins Theater gingen. So erreichten die (nicht mehr ganz so) jungen Wilden ganz neue Zielgruppen. Ein paar Abokündigungen fielen da nicht weiter ins Gewicht.

Auch Karl M. Sibelius scheint diesen Ansatz zu verfolgen. Er konfrontiert die Zuschauer mit Farbbeuteln und falschen Penissen. Dass dies in Trier erst jetzt - Jahrzehnte nach Zadek und Peymann - stattfindet, ist keine Überraschung. Gesellschaftliche Trends erreichten das Moseltal schon immer mit reichlich Verzögerung.

Die 68er-Bewegung kam 1975/76 in Trier an, die Diskowelle der 70er Jahre strandete hier Mitte der 80er (mit dem Madison als Moselvariante des Studio 54), und die Gesamtschule, ein Kind der späten 60er, erblickte in Trier 2011 das Licht der Welt. Höchste Zeit, dass Trier von Gesellschaftsforschern ergründet wird! Was ist das für eine wunderliche Stadt, in der alles verspätet geschieht? Soziologen, bitte nach Trier!