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Was von der Freiheit übrig bleibt

Was von der Freiheit übrig bleibt

Von den Stadien hat er genug, von der Musik aber nicht: Heute gastiert Westernhagen auf seiner Unplugged-Tour in der Rockhal Esch.

Luxemburg Westernhagen war früh an, bei manchen Dingen. Als Rock am Ring 1985 seine Premiere in der Eifel feierte, war Marius Müller-Westernhagen dabei. So nannte er sich damals noch, bevor er Marius-Müller-Bindestrich wegrationalisierte. Er war der erste deutsche Rockmusiker, der in den frühen 90ern die größten Fußballarenen als passende Konzertstätten entdeckte und der erste, den es aus freien Stücken wieder aus der Stadionhölle zog ("Ich fühlte mich gefangen"). Westernhagen war auch der erste Deutsche, der für die "MTV Unplugged"-Reihe angefragt wurde. Er lehnte dankend ab.
Besonders früh an war der Mann mit der kehligen Stimme bei "Freiheit". Als er die spätere Wendehymne vor dreißig Jahren auf Platte veröffentlichte, glaubte noch nicht einmal David Hasselhoff an den baldigen Mauerfall. Westernhagen ohnehin nicht: Der Song ist inspiriert von der französischen Revolution, die Idee kam ihm bei einer Stadtrundfahrt durch Paris. Dass die ruhige Piano-Nummer 1989/90 für ein paar Wochen in Bautzen, Bielefeld und im Rest von Ost und West zum Emo-Pattex werden sollte, war eher Zufall als Kalkül. Das Gefühl hielt nicht lange. Aber Westernhagen war der Mann der Stunde. Den großen Imagewechsel hatte er da schon hinter sich: Aus dem Provokateur mit der großen Fresse, dem knorrigen Theo-gegen-den-Rest-der-Welt, war der durchgestyle, unnahbar rüberkommende Designer-Anzugträger geworden. Auch wenn die vermeintliche Arroganz überhaupt keine sei, wie er der Frankfurter Allgemeinen sagte: "Das Image werde ich nicht mehr los. Doch diese Menschen kennen mich nicht. Das ist ein Schutzmechanismus."
Die großen Provokationen haben sich verabschiedet - was wohl nicht nur an ihm, sondern auch an der Zeit liegt. Mit einem Song wie "Dicke" könnte er im 21. Jahrhundert mit jeder einzelnen Zeile einen veritablen Shitstorm lospusten. Dass er mit der derben Stereotypensammlung der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten wollte, so sagte er es zumindest, spielt keine Rolle.
"Dicke" wird es heute Abend beim Westernhagen-Konzert in der Rockhal im luxemburgischen Esch/Alzette nicht zu hören geben. Die meisten seiner anderen Klassiker aber schon. Wie "Sexy", "Mit 18", "Weil ich dich liebe", "Lass' uns leben" oder "Johnny W.".
Dass Westernhagen nun - über ein Vierteljahrhundert nach der ersten Anfrage - doch auf "MTV unplugged"-Tour geht, wirkt nur auf den ersten Blick anachronistisch: Die relative Intimität reizt ihn, sofern man in Hallen mit 5000 oder mehr Zuschauern den Begriff überhaupt benutzen will. Der 68-Jährige hat zuletzt wieder den Blues für sich entdeckt. Das vor einem Jahr erschienene Unplugged-Album ist mehr als eine mit akustischen Instrumenten orchestrierte Hitsammlung. Viele Stücke gewinnen in den neuen Versionen. Wer seine Hits möglichst wie auf Platte hören will, muss aufs Original verzichten. Aber der nächste Sommer kommt bestimmt: Und dieser Herzensangelegenheit nehmen sich beliebige Stadtfeste traditionell sehr gerne an. Dass Songs wie "Willenlos" thematisch und musikalisch zeitlos Ballermann-kompatibel sind, ist Westernhagen selbst ein bisschen unangenehm. "Es gibt Songs, die ich nur mit einer gewissen Ironie spielen kann", sagte er über Songs wie "Willenlos" oder "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz". Dass der gebürtige Düsseldorfer sie dennoch spielt, habe auch mit Respekt vor dem Publikum zu tun. Die Masse kommt wegen der Hits, geiler is' schon. Das war zu Stadion-Zeiten nicht anders als heute.
17.10., Rockhal, 20 Uhr, <%LINK auto="true" href="http://www.atelier.lu" text="www.atelier.lu" class="more"%>
Extra: WESTERNHAGEN


Marius Müller-Westernhagen (geb. 1948) hatte seinen Durchbruch 1976 als Schauspieler ("Aufforderung zu Tanz", "Theo gegen den Rest der Welt"). Ab 1978 hatte er auch als Musiker Erfolg. Zum Superstar wurde er in den späten 80ern, frühen 90ern. (red)