Washington steht Kopf

Washington steht Kopf

Washington bereitet sich auf die Party des Jahrhunderts vor. Bis zu vier Millionen Menschen wollen die Amtseinführung Barack Obamas am kommenden Dienstag feiern.

Washington. Charlie Brotman hat es gut - wirklich gut. Denn von seinem Platz hoch über der Pennsylvania Avenue sieht er mehr als Barack Obama, der mit seiner Familie die Parade zur Amtseinführung auf Augenhöhe abnimmt. Muss er auch, denn der 81-jährige wird die Blaskapellen der Schulen und des Militärs, die Chöre, Themenwagen und Fußgruppen ankündigen, die kommenden Dienstag über Stunden an dem neuen Präsidenten vorbeiziehen.

Brotman nimmt diese Aufgabe seit der Inauguration von Präsident Dwight "Ike" Eisenhower wahr. Doch so ein Spektakel wie diesmal hat der Herr mit der sonoren Stimme noch nie erlebt. Washington steht Kopf, heißt einen Präsidenten willkommen, den die mehrheitlich demokratische und schwarze Hauptstadt der USA im November mit 93 Prozent gewählt hat

Der Andrang zu den Festivitäten, die an diesem Wochenende beginnen, sprengt alle Dimensionen. Die 5 000 Tickets für die Tribüne an der Ecke Pennsylvania Avenue/15te Straße waren innerhalb von 60 Sekunden ausverkauft. Zum Stückpreis von 25 Dollar. Auf "craigslist" werden die Tickets inzwischen ab 300 Dollar aufwärts gehandelt. Heiß begehrt sind auch die Sitze und Stehplätze vor dem Kongress, wo Obama am Mittag seinen Amtseid ablegen wird.

Insgesamt vergibt das für die Feierlichkeiten zuständige Komitee 240 000 Steh- und Sitzplätze. Die Hälfte davon ging direkt an Wahlkampfhelfer, Unterstützer und Spender. Die andere Hälfte landet bei den Senatoren und Repräsentanten, die in ihrer Not Lotterien veranstalten, um die wenigen Karten gerecht unters Volk zu bringen.

Während Bill Clinton bei seiner Amtseinführung die Nähe zu den Stars suchte, sonnt sich Hollywood diesmal im Glanz des künftigen Präsidenten. Auf den zehn offiziellen Bällen, die Obama und Frau Michelle offiziell besuchen, drängen sich Super-Acts wie Bruce Springsteen, Billy Joel, Stevie Wonder, Barbra Streisand oder Beyonce. Tickets für die Bälle werden auf StubHub.com bereits für 9500 Dollar pro Kopf gehandelt.

Doch eine Karte allein reicht nicht. Besucher der Hauptstadt brauchen auch eine Unterkunft. Kaum ein Washingtonian, der nicht einen Anruf von "alten Freunden" und Verwandten fünften Grades erhielt, die ihren Besuch ankündigten. Bereits seit Wochen sind die Hotels in einem Radius von 75 Kilometern ausgebucht.

Eine Herausforderung bleibt auch der Transport. Sperrten die Sicherheitskräfte doch alle Brücken, die in den District hineinführen, für den Verkehr. Da auch die Metro nicht überall anhält, müssen die Besucher zu Fuß gehen. Ein Segen für die Straßenhändler, die schon jetzt T-Shirts, Kappen, Anstecker und Präsidenten-Puppen verkaufen.

Die Kult-Eisdielen von Ben&Jerrys bieten zur Feier des Tages die neu kreierte Sorte "Yeas Pecan" feil. Und an den Kiosken wartet eine Sonderausgabe von "Spider-Man", in der Obama während der Inauguration von einem Anschlag gerettet wird.

Damit es dazu in der wirklichen Welt nicht kommt, bieten die Behörden ein nie gesehenes Maß an Sicherheitsvorkehrungen auf. Sogar geprobt hat das Obama-Team die Amtseinführung schon - vergangenen Sonntag im frühen Morgengrauen. Jetzt blicken alle gebannt auf die Wettervorhersage. Bisher sieht es ganz gut aus: Überwiegend sonnig mit Temperaturen um die zwei Grad Celsius.