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TRIER. Vielfalt mit Mängeln: Mit einem neuen Ballett-Potpourri, das am Sonntag Premiere hatte, sorgt das Trierer Theater für Vielfalt - wenngleich nicht immer überzeugend.

Den Bogen von Tschaikowskis bürgerlichen Königskindern Romeo und Julia, die nicht zusammen kommen durften, über die dekadente Spaßgesellschaft eines Jacques Offenbach bis hin zur südlich aufgeladenen Einsamkeit von Maurice Ravels berühmten "Boléro" zu spannen - allein das ist schon eine gewaltige dramaturgische Herausforderung. Ballett-Chef und Choreograf Sergey B. Volobuyev hat gut daran getan, sie nicht wirklich anzunehmen. Statt dessen hat er die drei Stücke, die außer ihrer Beliebtheit beim Publikum nichts gemein haben, durch Pausen auseinander gehalten. Auch bühnenbildnerisch war wohltuende Ein- und Begrenzung angesagt. Als Focus von Lust und Leidenschaft hatte Wolfgang Clausnitzer einen weißen Kreis auf die Bühne malen lassen. In ihm fingen sich die widerstreitenden Gefühle und pulsierte Pariser Leben bis die Einsilbigkeit des "Boléro" und der südlichen Siesta darin zu großer Form aufliefen. Ravels Komposition, die nichts ist, als Musik gewordener Pulsschlag und aufgestaute Kraft, war der Höhepunkt des Abends. Volobuyev hatte die Handlung in eine spanische Fabrik verlegt. Gulnara Soatkulova tanzte nicht nur die Vorarbeiterin. Ihr Tanz, bei dem sie ausdrucksstark mit dem Ballett-Ensemble des Trierer Theaters Zwiesprache hielt, war Gestalt gewordener Rhythmus. Einmal mehr zeigte sich zudem an diesem Abend wieviel mehr Volobuyev die Erzählung liegt als die inhaltliche Ausdeutung. "Romeo und Julia" ist sicher nicht Tschaikowskis bestes Ballett. Die getanzte Gefühlssinfonie verlangt dennoch ein ungeheures Maß an Feinschliff. Das Trierer Liebespaar und seine verfeindeten Familien blieben vordergründig platt, auch wenn Tina Goldin als Julias Mutter und Denis Burda als Romeo ahnen ließen, was bei einer anderen Choreografie hätte sein können. Alexander Galitskii als Tybalt und Bodan Khvoinitski als Mercutio ließen überdies ungenutztes Talent vermuten. Nicht entfalten konnte sich Gulnara Sotakulova als Julia. Flott und bunt in Carola Vollaths Kostümen ging es im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts her. Wobei allerdings auch hier das Dekor vor der inhaltlichen Ausdeutung stand. Mit seiner Gaîté Parisienne hat Offenbach eine Gesellschaftssatire in bester französischer Tradition geschrieben, die eine genuss- und vergnügungssüchtige Scheinwelt aufs Korn nimmt, die sich längst von der Wirklichkeit entfernt hat. Bei Volobuyev waren die Vertreter einer ausgelassenen Endzeitstimmung nur ein alberner Haufen, der eher nach Maskenball aussah, dafür aber Walzer und Cancan tanzen konnte. Ärgerlich: Bogdan Khvoinitski als Toulouse-Lautrec. Der Maler, dessen Genie in Krüppelgestalt ein kaum zu übertreffendes Bild für die Befindlichkeit seiner Zeit ist, wirkte in der Trierer Aufführung wie der fesche Künstler aus dem Prospekt für Paris- Reisen.Eindrucksvoll und einfühlsam: das städtische Orchester Trier unter der Leitung von István Dénes und Andreas Henning.

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