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"Welch ein Künstler geht an mir zugrunde" - Fakten und Legenden über den römischen Kaiser Nero

 Diese Illustration aus dem Jahr 1519 (hier ein Faksimile) zeigt Kaiser Nero neben der Leiche seiner Mutter Agrippina. Historisch ist nicht gesichert, dass der Kaiser seine Mutter nach deren Ermordung noch einmal besuchte. Foto: Stadtmuseum Simeonstift
Diese Illustration aus dem Jahr 1519 (hier ein Faksimile) zeigt Kaiser Nero neben der Leiche seiner Mutter Agrippina. Historisch ist nicht gesichert, dass der Kaiser seine Mutter nach deren Ermordung noch einmal besuchte. Foto: Stadtmuseum Simeonstift FOTO: (g_wissen
Trier/Rom. Wer Nero war, glauben viele zu wissen: der Christenverfolger, der Vielfachmörder, der grausame Tyrann, der Rom abbrennen ließ, um sich einen sagenhaft luxuriösen neuen Palast zu bauen. Der Gipfel des Bösen war dann, dass er die eigene Mutter ermorden ließ. Stimmt das alles, was wir über Nero zu wissen meinen? Oder beruht das jahrhundertelang geltende Nero-Bild auf Legenden? Annemarie Heucher

Trier/Rom. Schon vor knapp 2000 Jahren war der römische Kaiser Nero umstritten. Während Aristokraten und Historiker das negative Bild eines brutalen, verschwendungssüchtigen, egomanischen Herrschers zeichnen, der als Künstler Tabus brach, zeigen überlieferte Graffiti aus Pompeji, dass die Unterschicht Nero mochte. Kein Wunder - trachtete der Kaiser doch zuallererst danach, den Beifall der Massen zu bekommen.

Der Weg in den Palast von Rom war für Nero keineswegs vorgezeichnet. Geboren im Jahr 37 als Lucius Domitius Ahenobarbus soll er ein Junge gewesen sein, der gerne sang, dichtete und malte. Es drängte ihn nicht an die Spitze der Macht.
Ganz anders seine Mutter, die machthungrige Agrippina. Sie sorgte dafür, dass er eine hervorragende Ausbildung erhielt, unter anderem als Schüler des Philosophen Seneca, und tat auch sonst alles für die Karriere ihres Sohnes. In dritter Ehe heiratete sie Kaiser Claudius, ihren Onkel, und sorgte hartnäckig dafür, dessen legitimen Sohn Britannicus von der Nachfolge auf dem Thron auszuschließen. Viele Quellen behaupten, dass Agrippina auch ihren Mann ermordete, um den Weg Neros auf den Thron freizumachen. Doch sicher ist das nicht. Mit 16 Jahren jedenfalls, nach Claudius' Tod im Jahr 54, bestieg Nero den Thron.

In den ersten fünf Jahren seiner Amtszeit legte Nero einen grandiosen Start als Kaiser hin. Er verbesserte die Getreideversorgung, baute ein Amphitheater und ließ Gladiatorenspiele und Tierhetzen veranstalten. Doch das anfänglich gute Verhältnis zu den Eliten trübte sich ein, als Nero sich vorrangig um die Gunst des einfachen Volkes bemühte. Auch sein Lebenswandel erregte später Anstoß. So soll Nero neben den drei Ehefrauen, die er in seinem nur 30-jährigen Leben hatte, auch mit Männern liiert gewesen und sogar offiziell verheiratet gewesen sein.

Der Muttermörder: Dass Nero seine Mutter ermorden ließ, gilt als sicher. Agrippina mischte sich ein in die Geschäfte ihres Sohnes, dem es nicht gelang, sich gegen die Mutter abzugrenzen. Dieser Kampf spitzte sich immer mehr zu und führte im Jahr 59 zu dem Entschluss, seine Mutter gewaltsam zu beseitigen. Allerdings war Nero unter den römischen Kaisern mit einer solchen Tat keineswegs allein. Der "Große" Konstantin ermordete seine Ehefrau, und auch Augustus ließ Leute umbringen. Zunächst inszenierte man einen Schiffsunfall, bei dem Agrippina ums Leben kommen sollte. Doch dieser gelang unerwartet, nach dem nächtlichen Anschlag durchs Meer zu schwimmen und sich mit einem Boot an Land zu retten. Als kaiserliche Gesandte dann mit Schwert und Knüppeln in Agrippinas Schlafgemach eindrangen, soll sie sich entblößt und geschrieen haben: "Den Leib triff, denn dieser Leib hat Nero geboren."

Der Christenverfolger: Im Jahr 64 wütete in Rom ein fürchterlicher Brand, neun Tage lang breitete sich das Feuer aus. Als Ursache wurde lange Zeit behauptet, Nero selbst habe das Feuer gelegt, um sich dann einen prunkvollen Palast neu zu bauen. Inzwischen gilt als sicher, dass Nero nicht der Brandstifter und wohl auch nicht der Auftraggeber war. Historiker vermuten, dass ungünstige Winde und die enge Bebauung des antiken Rom die Ausbreitung des Brandes vorantrieben, das Volk die Katastrophe aber dem Nutznießer des Wiederaufbaus in die Schuhe schob. Denn tatsächlich baute sich Nero in der Folge einen gigantischen Palast ("domus aurea"), wie es ihn kaum je größer gegeben hat. Beim Einzug soll Nero gesagt haben: "Jetzt fang ich endlich an, wie ein Mensch zu leben."
Nero suchte einen Sündenbock, um bei der Suche nach der Brandurasache von der eigenen Person abzulenken. So soll er Historikern zufolge auf die junge Christengemeinde in Rom gekommen sein, die mit ihren bizarren Ritualen Argwohn hervorrief. Viele ließ er grausam öffentlich hinrichten.

Der Künstler: Als Nero im Jahr 68, vom Senat zum Staatsfeind erklärt, in den Selbstmord getrieben wurde, soll er gesagt haben: "Welch ein Künstler geht an mir zugrunde!" Er verstand sich als ein Kaiser, der die Herrschaft nicht administrativ und im stillen Kämmerlein ausüben wollte, sondern als eine Art Schauspieler, der die Macht inszenierte. Dazu passte, dass das Volk ihm Beifall zollen musste.
Ab dem Jahr 59 trat Nero immer wieder öffentlich auf, sang und begleitete sich auf seiner Kithara. Angeblich beschäftigte er mehr als 5000 hochdotierte professionelle Beifallspender (Claqueure), die jeden Auftritt des Kaisers zum Erfolg machten. Und es blieb nicht bei Musik. Nero förderte Gladiatorenkämpfe, Wagenrennen, stiftete Denkmäler und Bauten und nahm an zahlreichen Wettkämpfen teil, unter anderem den Olympischen Spielen - und er gewann sie sogar alle. Angeblich brachte er es auf 1800 Siegeskränze.
Weniger lustig war, wie er seine Politik inszenierte. Als er den Christen nach der Brandkatastrophe den Schwarzen Peter in die Schuhe schieben wollte, machte Nero aus der Hinrichtung von Christen ein öffentliches Spektakel. Der Gastgeber verkleidete sich als Wagenlenker, Christen verbrannten an Kreuzen und dienten als Fackeln auf dem kaiserlichen Festgelände.
Auch Neros Selbstmord entbehrt nicht einer gewissen Theatralik. Er soll sich einen Dolch in die Kehle gestochen haben.

Der Herrscher: Obwohl Nero gern als etwas weltfremder Künstler gesehen wurde, der sich nur für seine Musik und die Inszenierungen vor dem Volk interessierte, gelang es ihm dennoch, in der Verwaltung des Riesenreichs die richtigen Leute an die richtigen Stellen zu setzen. Immerhin beherrschte er ein Reich von Syrien bis Spanien und von Nordafrika bis nach Britannien, und das meist von Rom und Süditalien aus. Auch gilt der Wiederaufbau Roms mit einem damals hochmodernen Brandschutz als ein Meilenstein. So weltfremd kann er also nicht gewesen sein.

Die Spuren Neros in der Region: Nero ist nie in Trier gewesen, er ist nicht mal über die Alpen hinaus gekommen. Als aber seine Macht bröckelte und Nero starb, hatte dies gravierende Folgen für die Moselregion, wie Marcus Reuter, Leiter des Rheinischen Landesmuseums in Trier, kürzlich in einem Vortrag an der Universität Trier erläuterte.
Ein Aufstand im französischen Besançon rief die nächstgelegenen Truppen des Kaiserreiches auf den Plan - und die waren in Mainz stationiert. Sie setzten sich zwar sofort in Bewegung - doch hatte die Kunde vom nahen Ende des Kaisers Nero da schon eine Kettenreaktion ausgelöst. Der Statthalter von Köln, Vitellius, verspürte Lust, Nero im Amt zu beerben und brach gen Rom auf. Doch kaum hatten seine Truppen das Rheinland verlassen, nutzten die Treverer die Gunst der Stunde und begehrten auf. In drei Schlachten versuchten die Treverer dann, die Römer in der Region zu schlagen - in Bingen, bei Riol an der Mosel und schließlich in Trier an der Römerbrücke (Juli 70). Danach waren die Treverer vernichtend geschlagen und die römische Herrschaft erlebte zwei Jahrhunderte Blütezeit.
Nero ist nicht vergessen - auch wenn seine Gegner nach dem Tod versuchten, jegliche Erinnerung, an den Kaiser auszulöschen. Überall im Reich wurden Statuen zerstört und Inschriften entfernt. In Mainz zum Beispiel fand man eine Jupitersäule, an der Neros Name ausgemeißelt worden ist. Nero hat es trotzdem ins historische Gedächnis geschafft wie kaum ein anderer römischer Kaiser.Extra

Drei Trierer Museen zeigen vom 14. Mai bis zum 16. Oktober eine große Nero-Ausstellung, die mit 700 Exponate sämtliche Facetten Neros beleuchtet. Das Rheinische Landesmuseum widmet sich der historischen Persönlichkeit Nero - dem Kaiser, Künstler und Tyrannen, das Museum am Dom nimmt die Christenverfolgung in den Blick, und das Stadtmuseum Simeonstift zeigt, wie die Nachwelt Neros Leben künstlerisch aufgearbeitet hat. Es ist das erste Mal überhaupt in Europa, dass Nero in einer umfassenden Ausstellung dargestellt wird. Ein Kombiticket kostet 18 Euro. aheu/mos

 Dieses Gemälde in Öl auf Leinwand von Wassilij Sergejewitsch Smirnow zeigt Neros Tod. Es stammt aus dem Jahr 1888 und hängt im Staatlichen Russisches Museum, St. Petersburg. Foto: Stadtmuseum Simeonstift
Dieses Gemälde in Öl auf Leinwand von Wassilij Sergejewitsch Smirnow zeigt Neros Tod. Es stammt aus dem Jahr 1888 und hängt im Staatlichen Russisches Museum, St. Petersburg. Foto: Stadtmuseum Simeonstift FOTO: (wh_wst )