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Welterbe Konstantin-Basilika Trier: Rätsel um den Römerbau ist gelöst

Archäologie : Das römische Riesen-Puzzle ist gelöst

Eine Forscherin deckt auf: So knallbunt und prächtig war die Aula des Trierer Kaiserpalastes in der Antike. Schaut man genau hin, so lassen sich in dem riesigen Gebäude, das heute Basilika heißt, noch Spuren entdecken.

Wer die Basilika betritt, fühlt sich zwangsläufig klein. Überwältigt von den monumentalen Ausmaßen des römischen Thronsaales. Dem größten säulenlosen Hallenbau der Antike. Ein riesiger Raum von asketischer Schlichtheit. Unverputzte Ziegelsteinwände, ein schlichter Steinboden, die Decke aus quadratischen Holzkassetten. Kein Zierrat. Kein Schnick-Schnack, keine Farbe. Nichts, was das Auge ablenken, fesseln und auf der Suche nach immer neuen Eindrücken über Wände oder Böden jagen lassen würde.

Wie anders war das Bild, das sich Menschen bot, die beim römischen Kaiser zur Audienz geladen waren. „Der Boden war bunt, die Wände waren bunt, alles war hell und strahlend, prunkvoll und kostbar“, sagt Dr. Vilma Ruppiene, die mit finanzieller Unterstützung der Volkswagen-Stiftung in jahrelanger Forschung rekonstruiert hat, wie das Innere der Konstantin-Basilika in der Antike ausgesehen haben könnte. Alles habe darauf hingedeutet, dass der Bau farbenfroh und prächtig ausgestattet war. Und zwar mit „Opus sectile“. Das ist Lateinisch und bedeutet „geschnittenes Werk“. Eine künstlerische Technik, bei der Materialien wie Marmor in dünne Platten geschnitten und auf Wänden oder in Fußböden zu dekorativen Mustern zusammengesetzt wurden. Bisher hatte sich aber noch niemand darangesetzt, das riesige Puzzle mithilfe der gefundenen Fliesenfragmente zu lösen.

Durch 4000 dieser Bruchstücke von Wand- und Bodenverkleidung hat die Expertin für römische Steine sich vorgearbeitet. „Ich konnte über 50 verschiedene Steinsorten nachweisen“, sagt die Archäologin und Geologin, die am geologischen Institut der Universität Würzburg arbeitet, das die Basilika in Zusammenarbeit mit dem Rheinischen Landesmuseum in Trier erforscht. 40 Steinsorten habe sie mithilfe geochemischer Analysen und mikroskopischer Untersuchungen genau bestimmen können, und sie weiß auch, woher diese stammen. Darunter sind extrem wertvolle Materialien, die von weither importiert werden mussten wie roter Porphyr aus Ägypten – ein symbolträchtiges Gestein, das den römischen Kaisern vorbehalten war, grüner Porphyr aus Griechenland, gelber Marmor aus Tunesien, mehrfarbiger Marmor aus der Türkei, Brekzien von der Insel Skyros ... Die gebürtige Litauerin geht davon aus, dass die bereits fertig bearbeiteten Fliesen mit dem Schiff über Rhone, Saône und Mosel nach Trier transportiert worden sind.

Andere Steine wiederum stammen aus der Umgebung, darunter der begehrte grüne Trierer Diabas – ein vulkanisches Gestein aus der Devonzeit –, das selbst in Rom verbaut wurde. Früher habe man gedacht, dieser Diabas stamme aus Ägypten. Geochemische Analysen zeigten jedoch, dass das nicht sein kann.  „Bei Pluwig und Ollmuth sind wir schließlich fündig geworden“, sagt Vilma Ruppiene. Die römischen Abbauspuren seien in den Steinbrüchen zwar alle modern überprägt worden, doch die Geochemie passe perfekt. Auch der dunkle Diorit, ein Tiefengestein aus dem Odenwald, das den Trierern dank ihres berühmten Domsteins bestens vertraut ist, wurde in der Basilika verarbeitet. Ebenso wie schwarzer Kalkstein aus der Nähe von Aachen.

Aber woher weiß Vilma Ruppiene, wie all diese 50 bunten Steinsorten zusammengefügt waren und welches Bild sich so für den staunenden Besucher der Palastaula ergab? Bei den Fußböden sei dies – vor allem für die Basilika-Vorhalle – gut zu rekonstruieren. Einfach weil Stücke an Ort und Stelle erhalten blieben und im 19. Jahrhundert bei Ausgrabungen gezeichnet wurden. Beim Boden von Aula und der Apsis ist mehr Spekulation im Spiel. Die Rekonstruktion basiere auf den gefundenen Fragmenten und  Bodenresten, auf schriftlichen Überlieferungen des 17. und 19. Jahrhunderts sowie auf Vergleichen zu anderen, besser erhaltenen römischen Bauten.

Noch hypothetischer ist die Rekonstruktion der Wandverkleidung. Allerdings gibt es auch hier handfeste Hinweise. In Zusammenarbeit mit dem Trierer Archäologen Klaus-Peter Goethert hat die Forscherin die Dübellöcher in den Wänden der Basilika analysiert. „Da kann man ein System erkennen“, sagt die 41-Jährige, die so rekonstruierte, wie die Wand eingeteilt war. Rechteckige Flächen, Simse, Säulen, Kapitelle. Auch, welche Steinarten und Fliesengrößen oder -formen verlegt waren, weiß sie. Darunter kunstvoll geschnittene Platten in Form von Vögeln und Blumen. Zudem gibt es zahlreiche römische Villen und Paläste, die Hinweise darauf liefern, wie der Trierer Thronsaal ausgesehen haben könnte. Zu ihnen zählen ein prächtig verziertes Haus vor dem Stadttor des antiken Ostia, die Basilika des Junius Bassus in Rom, eine Villa in Piazza Armerina auf Sizilien oder auch der römische Palast in Trier-Pfalzel. Mithilfe all dieser Informationen hat Ruppiene ein ganz neues Bild von der Palastaula entworfen, das der römischen Realität weit näher kommt als alle Vorstellungen, die es zuvor gab. Dabei hat sie auch herausgefunden, dass keineswegs nur die vergleichsweise leichten Fliesen aus weiter Ferne nach Trier importiert wurden, sondern auch großformatige Säulen und Kapitelle.

Dass man sich am kaiserlichen Hof zu Trier nicht lumpen ließ, zeigt auch ein Edikt von Kaiser Diokletian, das Höchstpreise für allerlei Produkte auflistet. Ein Kubikfuß roter Porphyr (ein römischer Fuß sind 29,57 Zentimeter) kostete demnach um 300 nach Christus 250 Denare. Dafür hätte man dem antiken Dokument zufolge auch 125 Schweinswürste bekommen, 62 Köpfe des besten Salates, 8,3 Pint Wein oder zehn Wolfshäute. Stattdessen orderte man große Mengen wertvoller Steine aus allen Ecken des Reiches, um die riesige Halle zu verzieren.

Prunk ohne Ende, und kein Weg war zu weit: Rund 50 Steinsorten zierten die Basilika. Sie stammen zum Teil aus weiter Ferne. Foto: Rheinisches Landesmuseum/Thomas Zuehmer

„Wenn die Römer was wollten, dann haben sie das auch hingekriegt“, sagt die Wissenschaftlerin, die ihre 2016 begonnene Forschung dieses Jahr abschließt und damit ein weiteres Rätsel der römischen Geschichte Triers löst.