Weltstar und Wehmut

Die Gesichter sahen aus wie bei einer vorweihnachtlichen Bescherung: 600 Besucher im Trierer Theater waren glücklich, eine der begehrten Karten für die "Grundheber-Gala" beim 3. Sinfoniekonzert ergattert zu haben. Ihre Erwartungen wurden nicht enttäuscht.

Trier. So groß war das Interesse, dass selbst für die Generalprobe kein einziges Ticket übrig blieb. Die Idee, den Auftritt des berühmten Baritons mit einer fast wehmütigen Reminiszenz an den 1995er "Rosenkavalier"-Start von Generalmusikdirektor István Dénes in der zweiten Hälfte des Abends zu koppeln, entfaltete beachtliche Anziehungskraft. Franz Grundheber streifte mit Rigoletto, Jago und dem Carlo Gerard aus "Andrea Chenier" drei Glanzpartien seines Repertoires und demonstrierte einmal mehr seine Fähigkeit, in einer Vier-Minuten-Arie eine ganze Geschichte zu erzählen.Die Verzweiflung des nach seiner Tochter suchenden Vaters, das diabolische Glaubensbekenntnis des Intriganten, die Gebrochenheit des gescheiterten Revolutionärs: Grundheber, gerade 70 geworden, lieh ihnen seine Darstellungskraft und eine Stimme, die in der Höhe unverändert blüht, die noch längst nicht auf Routine zurückgreifen muss. Wer dieses Phänomen verstehen will, musste nur genau hinhören bei Mozarts Figaro, den er auf der Bühne seit 20 Jahren nicht mehr gesungen hat. Die Beweglichkeit der Stimme, das gewandte Parlando: Wer das noch kann trotz all der schweren Verdi-, Wagner-, Strauss-Partien, dem stehen auch für "Holländer", "Scarpia" oder "Boccanegra" gestalterische Möglichkeiten zur Verfügung, von denen andere nur träumen. Neben Grundhebers gefeierter Emphase brauchten sich die Trierer Solisten nicht zu verstecken. Was das Haus an Eva Maria Günschmann und Evelyn Czesla hat, weiß das Publikum ohnehin längst. Kein leichter Job für künftigen GMD

So wurde Adréana Kraschewski zur Entdeckung des Abends, die zu Saisonbeginn für Anette Johansson nach Trier kam, aber bislang wenig Gelegenheit hatte, ihr individuelles Können zu zeigen. Ihre Arie der Figaro-Gräfin begeisterte durch eine schöne, dunkel grundierte Sopran-Stimme, wunderbare Piano-Kultur und nuancierte Sprache. Das lässt einiges erwarten - sofern die junge Sängerin in Trier passende Partien bekommt. Kein leichter Job für den künftigen GMD, den Spielplan so (mit)zugestalten, dass sein exzellentes Damen-Quartett Czesla/Günschmann/Kraschewski/Wenkert angemessen beschäftigt wird. Aber noch gehört das Haus dem scheidenden Generalmusikdirektor István Dénes. Und der erfüllte sich zum Start seiner Abschieds-Festivitäten nicht nur mit dem Gaststar Grundheber einen Herzenswunsch, sondern auch mit den Auszügen aus dem "Rosenkavalier". 1995, als Dénes und Intendant Lukas-Kindermann in Trier anfingen, rissen sie mit ihrer ersten Produktion Publikum, Orchester und Kritik gleichermaßen hin und legten die Grundlage für ein paar glänzende Trierer Opern-Jahre. Zwischen dem Orchester und seinem neuen Chef herrschte ein stürmischer "Honeymoon", und der "Rosenkavalier", nicht gerade ein Lieblingsstück des Trierer Publikums, schlug ein wie eine Bombe. Zwölf Jahre später ist der Lack ein bisschen ab, das Schwelgen im Strauss'schen Wiener Schmäh klang nicht mehr so betörend, auch wenn die drei vorzüglichen Solistinnen dem komplizierten Klang-Geflecht nichts schuldig blieben. Aber wer sich die Gesichter der Orchester-Musiker ansah, wenn ihr Chef wieder einmal eines seiner beliebten Späßchen Richtung Publikum machte, selber mitsang oder beim Dirigieren Erläuterungen gab, der ahnte, dass diese Beziehung längst zu Ende ist. Was sie musikalisch zu leisten im Stande war, wurde allerdings auch deutlich, bei einer grandiosen Nabucco-Ouvertüre mit "Schmackes" und funkelnden Blechbläsern. Das machte Appetit auf die kommenden Antikenfestspiele.