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Kultur: Weltuntergang in Klang und Lyrik

Kultur : Weltuntergang in Klang und Lyrik

Die Einstürzenden Neubauten bieten auf ihrer „Greatest Hits“-Tour ein Lärm- und Melodie-Inferno in der ausverkauften Luxemburger Philharmonie.

Fünf Sekunden quälende Stille, dann ein Zug aus der Zigarette, das Knistern des Tabaks beim Verglühen ist hörbar – nach fast zwei Stunden voller Musik aus Blech, Stahl, Schrott, Abflussrohren und Alltagsgegenständen ist diese Ruhe eine Irritation, eine Provokation. Um auch schon gleich gekoppelt zu werden mit einem tinnitusreifen übersteuerten Fiepen. Der Song „Silence is sexy“ zum Abschluss eines Konzertes voller Wucht und verzerrter Töne ist alles andere als eine sexy Ruhe. Und die Einstürzenden Neubauten wissen das, gelten sie schließlich seit fast vier Jahrzehnten als die Helden des Lärms.

Was die Musikwelt als „beständigsten Aprilscherz der Musikgeschichte“ betitelt, ist für Luxemburgs ausverkauftes hohes Haus der Philharmonie ein wahrhaft ungewohntes Klangbild. Wo sonst Streicher und Flötisten mit ihrer Musik über die Ränge hallen, ist der Industrial Rock mit Baumaschinenlärm eine ungewohnte, aber nicht minder beeindruckende Konzertalternative.

1980 eher als Partygag gegründet, hat die Band aus Geldnot schnell eine Tugend gemacht. Sie verkauft ihr Schlagzeug und nutzt Schrott aller Arten, um ihm Klänge zu entlocken. Und dies hat sich bis heute nicht geändert. Bassist Alexander Hacke (Ex-Mann von Schauspielerin Meret Becker) musiziert noch immer in alter Metal-Pose und mit wehender Flattermähne, trägt aber wie der korpulenter gewordene Blixa Bargeld den eleganten Dreiteiler – und geht traditionell barfuß. Geräuschespezialist N.U. Unruh und Schlagwerker Rudi Moser klöppeln mal auf Baumarktrohren, mal entlocken sie sirrende Geräusche und Töne nach Art eines Glockenspiels aus dem selbstgebauten Drehscheiben-Ventilator, mal dienen zwei leere Kunststoffkanister als Drums. Unvermutet, weil doch großteils dem Zufall überlassend, lässt Unruh beim Song „Unvollständigkeit“ silberne Metallplättchen aus einer großen Baggerschaufel rieseln und zu einer Klangexplosion in der Philharmonie anwachsen. Und Gitarrist Jochen Arbeit sowie Keyborder Felix Gebhardt entlocken ihren Instrumenten die passenden Töne, mal leise und laut, mal schrill und dumpf.

Der Titel des Konzerts unter dem Motto „Greatest Hits“, mit dem die Band aktuell vor allem in Philharmonien in der Bundesrepublik unterwegs ist, hört sich in diesem Zusammenhang ziemlich banal an. Dabei hatten die Einstürzenden Neubauten nie mainstreamtaugliche Songs im Repertoire. Sie gehörten zur Subkultur der 1980er Jahre, zum Anti-Pop der Anarchisten und der Krachmacher. Und auch das Publikum hat sich seitdem nur wenig verändert. Dennoch haben die Neubauten einige unerhörte Klangwelten für die musikalische Nachwelt geschaffen, mal eingänglich, mal bedrohlich. Weltuntergangsstimmung für den iPod also. Ob das melodische „The Garden“, das wuchtige „Redukt“ oder das zu den Rainy Days passende „Sonnenbarke“ (siehe Info) – die Neubauten schaffen es, auch heute noch mit düsteren Balladen (“Nagorny Karabach“, „The total Eclipse of the sun“) sowie mit Geräuschinfernos („Let’s do it a Dada“) Klangwunder auf die Bühne der Luxemburger Philharmonie zu zaubern. Und dass die Texte von Sänger Blixa Bargeld auch nach fast 40 Jahren Bandgeschichte neben Rio Reiser (Ton, Steine, Scherben) und Sven Regener (Element of Crime) noch immer zu dem Besten gehört, das die deutschsprachige Musik und avantgardistische Lyrik neben dem austauschbaren Radio-Einheitsbrei zu bieten hat, zeigt nicht nur seine Literaturlesung aus „Europa kreuzweise: Eine Litanei“ einen Tag später in Luxemburg, sondern auch das recht neue Projekt „Lament“.

Für die belgische Region Flandern haben die Neubauten 2014 zur Erinnerung an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren eine Platte aufgenommen: Ein erschütterndes Bild eines realen Horrorszenarios („How Did I die“), ergänzt um das perfekte Lärmrepertoire von Alltagsinstrumenten.

Gut nur, dass sich die Mannen um Bargeld nicht so wichtig nehmen und zu all der ganzen Weltabgewandtheit und der Seriosität immer noch eine gehörige Portion Leichtigkeit und trockenen Humor mitbringen. Bargeld: „I can’t say it in Moselfränkisch. Ich kann’s nicht auf Moselfränkisch sagen.“