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Welturaufführung am Trierer Theater: Oper "Ur_" der Isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir geht von der Mosel aus auf Weltreise

Erfindet Sprache und auch Musik neu: die Isländerin Anna Thorvaldsdottir. Foto: Kristinn Ingvarsson
Erfindet Sprache und auch Musik neu: die Isländerin Anna Thorvaldsdottir. Foto: Kristinn Ingvarsson FOTO: Kristinn Ingvarsson
Trier. In den USA und ihrer Heimat Island ist die Komponistin Anna Thorvaldsdottir recht bekannt. In Deutschland weniger. Das soll sich ändern, feiert doch ihre erste Oper "Ur_" an diesem Freitag ihre Uraufführung im Theater Trier. Mechthild Schneiders

Das Sprachgewirr mutet babylonisch an oder wie Eskimo-Esperanto, scherzt Dirigent Baldur Brönnimann. "Mörk - e - folk berr - e gar, og fa" klingt zwar nordisch, es sind jedoch Sprachfragmente. Die menschlichen Laute spiegeln sich im Spiel des bit20 Ensembles aus Norwegen wider. Bruchstückhaft entwickeln sich Klangstrukturen, verbinden sich zu Tonfolgen und Melodien. Die phonetischen Gesten erlauben Verständigung, wo (noch) keine Sprache ist. Denn dort, wo die Kammeroper "Ur_" der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir beginnt, ist - nichts.

Premierenfieber

Das Werk habe eine Hauptfigur, eine abstrakte metaphorische Person, erzählt sie. Deren Elemente - verkörpert von Mezzosopranistin Melis Jaatinen, Bariton Joa Rasmus Helgesson, Vokalistin Sofia Jernberg - verschmelzen miteinander und trennen sich wieder. Mehrschichtig wie die Dreiheit ist auch die Geschichte. Es gibt zwei Handlungsstränge: Der eine vertritt die Geburt, der andere den Tod, das "Ur_". "Die Geschichte geht in zwei Richtungen, aber hauptsächlich verfolgen wir die Person, wie sie erwacht an einem neuen, fremdartigen Platz und wie sie ihre Stimme findet."

Es gibt einen Schauspieler - Miké Thomsen, der das verbindende Element darstellt. Ein weiterer Protagonist ist ein Flügel. Richtig gelesen: Nicht Pianistin Tinna Thorsteinsdottir steht im Vordergrund, sondern das Instrument. "Es hat verschiedene Bedeutungen, einige musikalisch, andere theatralisch. Aber hauptsächlich stellt er das natürliche Element dar."

Thorvaldsdottir hat in ihrem Werk eher atmosphärische als szenische Angaben gemacht. "Ich hatte beim Schreiben so viele Bilder und Ideen im Kopf", sagt sie. Aber gleichzeitig wollte sie Regisseur Thorleifur Örn Arnasson (Staatstheater Wiesbaden) genug Platz zum Arbeiten lassen. "Wir sind sehr unterschiedlich. Ich schreibe sehr atmosphärisch, und er mag es, dies manchmal zu brechen und Neues, Unerwartetes zu entwickeln." So hat Arnasson dem Werk eine szenische Struktur und Interpretation verliehen und den Inhalt um den Prozess der Entstehung der Oper erweitert. Dazu gibt es ein Libretto der Autorin Mette Karlsvik, von dem jedoch nur phonetische Strukturen übrig geblieben sind. "Das war nicht wirklich eine Entscheidung", sagt die Komponistin. Aber "Das Stück erforderte einen Zugang, der weniger textlastig ist", erklärt die Komponistin. "Ich wollte die Sprache aufbrechen und nicht als Mittel zur Kommunikation nutzen. Ich wollte Dinge ausdrücken, die nicht mit Worten zu sagen sind." Und so habe sie eine neue Sprache erfunden. "Ich wollte Texte und Klänge schaffen, die nicht sprachlich sind." So habe sie den Text genutzt und auch selbst geschrieben.

Auftragsproduktion von Künstlernetzwerk

"Ur_" ist eine Auftragsproduktion von Far North, einem internationalen Künstlernetzwerk und Produktionsplattform, mit dem Ziel, zeitgenössische Musik- und Theaterformen zu entwickeln und zu realisieren. "Ich habe lange überlegt, ob ich es machen soll, wegen des großen Aufwands und meiner anderen Arbeiten", sagt die schmale, zarte Isländerin. "Aber ich fand es aufregend, auch weil verschiedene interessante Künstler mitwirken. Und ich bin froh über meine Entscheidung."

Und wie findet man ein Thema und die Melodien? "Auf die gleiche Weise wie immer. Ich habe lange Zeit verbracht, um die Klänge, die Melodien, den roten Faden und die Struktur zu finden." Sie habe sehr detailliert aufgeschrieben, was sie mit meiner Musik ausdrücken wolle und wie.

Eine Oper zu komponieren sei ähnlich wie eine Sinfonie, sagt die schmale, zarte Frau aus dem Norden. "Ich habe meine komponistische Stimme nicht verändert und mich dem musikalischen Material und den Ideen wie auch sonst genähert." Unterschiedlich sei, dass sie immer die Geschichte und eine klare Linie während des gesamten Kompositionsprozesses im Kopf haben musste.

Dass die Uraufführung am Theater Trier ist, liegt daran, dass Intendant Karl Sibelius Kontakte zum Netzwerk Far North hat. "Wir sind sehr froh", sagt Thorvaldsdottir, "das Stück erstmals in Trier zeigen zu dürfen." Uraufführung: 11. September, 20.30 Uhr; weitere Aufführung: 12. September, 16 Uhr, Großes Haus. Karten: 0651/718-1818.
Am 18./19. September ist die Oper in Oslo/Norwegen zu sehen. Dann zieht wie weiter nach Chur/Schweiz, Reykjavik/Island und Wiesbaden. In Planung: Peking/China, Grönland, New York, Berlin. Extra Zur Person

Anna Thorvaldsdottir wurde 1977 in Island geboren. Sie spielte früh Cello und begann mit 19 Jahren zu komponieren. Sie studierte Komposition in Island und San Diego/USA. Seit 2013 wohnen Thorvaldsdottir und ihr Mann wieder in Island. Für ihre Arbeit ist sie häufig in Europa und den USA unterwegs. 2011 erschien ihr Debütalbum "Rhízôma” mit dem Orchesterwerk "Dreaming" (zu hören beim 1. Sinfoniekonzert, 26. September), für das sie 2012 den Nordic Council Music Prize erhielt. 2014 folgte "Aerial". Im kommenden Jahr wird sie für die New Yorker Philharmoniker komponieren. mehi

Extra Far North

Far North ist ein internationales Künstlernetzwerk und gleichzeitig Produktionsplattform. Sein Ziel ist es, zeitgenössische Musik- und Theaterformen zu entwickeln und zu realisieren. Gegründet wurde es 2013 von der isländisch-norwegischen Kultur- und Musikmanagerin Arnbjörg Maria Danielsen, die die Leitung innehat.
Zweimal im Jahr treffen sich die jungen Künstler aus Grönland, Island, Skandinavien und Deutschland zu den "Diskothek Sessions" in Grönland, um sich auszutauschen und Projekte zu entwickeln. Hier entstand auch die Idee zur Oper "Ur_" der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdóttir - das erste Musiktheater des Netzwerks. mehi

Extra Neun Premieren an drei Wochenenden

Mit neun Premieren an drei Wochenenden und dem ersten Sinfoniekonzert beginnt das neue Theaterteam um Intendant Karl Sibelius ab Freitag, 11. September, seine erste Spielzeit in Trier.
Unter dem Motto "Premierenfieber" stellt der Trierische Volksfreund die Stücke vor. Hier eine Übersicht über die September-Premieren (gefettet ist jeweils das Stück, das im dazugehörigen Artikel vorgestellt wird):
„Alles bleibt anders“: 11. September, 18 Uhr, Großes Haus
"UR_": 11. September, 20.30 Uhr, Großes Haus
„Molière“: 12. September, 20 Uhr, Großes Haus
"Mistral": 13. September, 20 Uhr, Großes Haus
 „Der Zauberberg“: 18. September, 19.30 Uhr, Walzwerk Trier
"Fidelio": 19. September, 19.30 Uhr, Großes Haus
<span style="line-height: 17.4px;">&bdquo;Thalamus“: 20. September, 19 Uhr, Großes Haus
"Ruhr-Ort": 25. September, 19.30 Uhr, Großes Haus
1. Sinfoniekonzert: 26. September, 20 Uhr, Großes Haus
"Sweeney Todd": 27. September, 19 Uhr, Walzwerk Trier. cweb

Erfindet Sprache und auch Musik neu: die Isländerin Anna Thorvaldsdottir. Foto: Kristinn Ingvarsson
Erfindet Sprache und auch Musik neu: die Isländerin Anna Thorvaldsdottir. Foto: Kristinn Ingvarsson FOTO: Kristinn Ingvarsson