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Wenn das Blut gefriert

Wenn das Blut gefriert

LUXEMBURG. "Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild" - das Shakespeare-Zitat steht als Motto über einem Theaterabend im Luxemburger Nationaltheater.

Im hohen Alter zieht ein Mensch Bilanz über das Entsetzen, den Schrecken, den Terror, dessen Zeuge er im Laufe seines Lebens geworden ist. Das Schicksal hat ihn und seine Generation besonders viele brutale Morde erleben lassen - allein in Deutschland über sechs Millionen in nicht einmal zehn Jahren, den dunkelsten in der Geschichte der Nation. Nun hat Peter Palitzsch, 85 Jahre alt, aus seinen Notizen, Essays, Beobachtungen aus mehreren Jahrzehnten drei Theaterstücke destilliert, in denen es um eben dieses geht: das gewaltsame Ende des Lebens. "Drei kurze Texte (mit tödlichem Ausgang)" hat der Regisseur und Brecht-Schüler den Abend überschrieben, der jetzt im "Théâtre National du Luxembourg" im Rahmen des grenzüberschreitenden Theaterfestivals "Act-In" uraufgeführt wurde. Ein Alterswerk zweifellos, altersweise ebenso - aber ob der erfahrene Theatermann, einst zur ersten Garde im deutschsprachigen Theaterbetrieb zählend, weise beraten war, seine Aufzeichnungen zu dramatisieren, darf bezweifelt werden. Zumindest was die beiden ersten Stücke angeht. Von Diktatoren und anderen Mördern

Genau genommen verdient "Michail, Erzengel" diese Bezeichnung nicht einmal. Da sitzt die Titelfigur in einer schäbigen argentinischen Cantina zur Zeit der Militärdiktatur, die von 1976 bis 1982 das Land terrorisierte, und reflektiert über einen Willkürakt der Nationalgarde, bei dem ein Junge erschossen wird. Der sehr irdische Himmelsbote lässt die Ereignisse Revue passieren, zieht Parallelen zu anderen Mördern und Morden, wiederholt am Ende den Text, mit dem er seinen Monolog begonnen hat. Das kommt einer Lesung näher als einem Theaterstück; dar-über können auch nicht die spärlich eingesetzten szenischen Elemente und die zur Statisterie reduzierten Schauspieler hinwegtäuschen. Nun kann man ja die dramatische Kargheit zum ästhetischen Prinzip ernennen - aber so aufregend neu ist das schließlich nicht. Wenn dann auch noch dem Text jegliches dramatische Potenzial fehlt, sind Hopfen und Malz verloren und auch die Schauspielkunst eines Ulrich Gebauer vergebliche Liebesmüh. In der zweiten Szene, "Schatten" überschrieben, trifft sich eine jüdische Familie im Deutschland des Naziterrors, um dem Vater beziehungsweise Freund die letzte Ehre zu erweisen. Doch die Trauer um den Verstorbenen wird überlagert von der Verzweiflung und der Angst über die eigene Lage. Eine mehr als verständliche Ausgangssituation. Doch was beklemmend hätte werden können, gerinnt zum Klischee: Plakativ werden Sentenzen zitiert, Dialoge klingen gestelzt und gestanzt, und zum Schluss wird gar noch der Holzhammer hervorgeholt in Gestalt eines NS-Schergen, der diese Szene mit markigem Hitler-Gruß beendet. Was hätte Palitzschs Hausgott und Lehrer Brecht wohl zu dieser missglückten Etüde in demonstrativem Lehrtheater gesagt? Fast schon hätte man den Abend als Enttäuschung abgehakt. Doch dann kam der dritte Teil, "Im Apparat", zwei Szenen nach Franz Kafkas "In der Strafkolonie", und auf einmal war alles da auf der immer noch kargen Bühne (Chri-stoph Rasche): Spannung, Entsetzen, blanker Horror - und immer wieder das Gefühl, die Grenze des Erträglichen qualvolle Minuten lang zu überschreiten. Mit dem Entsetzen bösen Spaß getrieben

Ein Offizier präsentiert einer Reisenden eine perfekte Tötungsmaschine. Genüsslich zählt er die Möglichkeiten des Apparats auf, der einen Menschen dank technischem Fortschritt einer zwölfstündigen Folterung aussetzt, aber so konstruiert ist, dass der Delinquent jede Minute seiner letzten Stunden bei vollem Bewusstsein erlebt. Nun mag Kafka ja mit dem Entsetzen seinen bösen Spaß getrieben und den Horror so genau gezeichnet haben, dass es nur noch als absurdes Theater zu ertragen ist, zumal Kafka sich einen perfid-ironischen Schluss ausgedacht hat: Der Offizier wird Opfer seiner Konstruktion. Doch das Ergebnis ist nicht von jener perversen Tötungsästhetik, die er seinen Opfern angedeihen lässt; vielmehr gerät der Selbstversuch zum grotesk-blutigen Gemetzel. Doch hier gibt es kein Lachen, das im Halse stecken bleiben könnte. Im Dialog von Germain Wagner als Offizier und Anne Moll als junger Frau gefriert das Blut in den Adern, stellt sich sogar ein Gefühl der Übelkeit ein. Nie ist das Morden der Nazis, oft genug kaschiert als Dienst an der Wissenschaft, klarsichtiger prophezeit worden als in dieser 1914 entstandenen Erzählung. Da war er dann doch noch zu spüren an diesem Abend mit seiner ganzen Theater-Kompetenz: der Textesezierer, Inhaltsanalytiker, Bewusstmacher und Bewusstseins-Erweiterer Peter Palitzsch. Mit Franz Kafka hatte er sich natürlich einen hervorragenden Vorarbeiter gewählt. Was kann bei solchen Texten schon schiefgehen? Die nächsten Aufführungen: 7., 9., 10. und 11. Dezember, Tel. 00352/26441270.