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Wenn die Mädchen Reigen tanzen

Wenn die Mädchen Reigen tanzen

Seit 1979 wird Colmar in den ersten beiden Juliwochen zum musikalischen Zentrum im Elsass. Zunächst unter der Leitung von Karl Münchinger, ab 1989 unter der Stabführung des Russen Vladimir Spivakov. Und jedes Jahr stellt das Festival einen Künstler in den Mittelpunkt: dieses Mal den Franzosen Maurice André.

Colmar. Vier Tage muss man in diesem Jahr warten, bis das Instrument, um das es beim Internationalen Musikfestival 2015 geht, erstmals zum Einsatz kommt: bei den Trompetenkonzerten von Hummel, Vivaldi und Telemann (6. Juli). Und nur an vier weiteren Abenden wird es darüber hinaus solistisch gewürdigt - von Komponisten wie Jean-Baptiste Arban (1825-1889), Albert Roussel (1869-1937), Alfred Uhl (1909-1992) und Georges Delerue (1925-1992), eher bekannt als Filmkomponist denn als Verfasser von Konzertsaalmusik.
Nun gut, ein Trompetenkonzert von Haydn steht auch auf dem Programm (12. Juli) und eines von Dimitri Schostakowitsch (7. Juli), aber Tatsache ist: Die Klassiker und Romantiker von Mozart über Beethoven bis Schumann haben dem schmetternden Blech nicht allzu viel abgewinnen können und es überwiegend als Zweck- oder Stimmungsinstrument eingesetzt. Entsprechend überschaubar ist die Trompetenliteratur innerhalb der Musikgeschichte.
Was Maurice André (1933- 2012) nicht daran gehindert hat, eben dieses Instrument zu lernen. Bis heute gilt der Franzose als einer der Besten seines Faches. Für die New York Times war er gar "der größte Trompeter vor Miles Davis und Dizzy Gillespie". Ein größeres Lob kann von jenseits des Atlantiks kaum kommen.
Beigeschmack des Triumphs


Maurice André, dem die 27. Ausgabe des Festivals im Elsass gewidmet ist, war sich der eingeschränkten Möglichkeiten seines Instrumentes durchaus bewusst: "Die Trompete ist ein schwieriges Instrument. Sie löst gemischte Gefühle aus, weil sie ihren kriegerischen Einsatz, den Beigeschmack des Triumphs sowie das biblische Bild der Apokalypse beibehalten hat."
Genau das aber stachelte seinen Ehrgeiz an: "Ich finde, dass die Trompete ebenso expressiv ist wie eine Geige. Man kann viel mit einer Trompete machen und zahlreiche unterschiedliche Klangfarben erzeugen: vom zarten Schmelz bis zur Aggressivität - und zurück zur Zärtlichkeit." Und nicht zuletzt möge man bedenken: "Die Geige und das Klavier sind Kinder im Vergleich zur Trompete. Sie gibt es seit 6000 vor Christus. Deshalb wünsche ich mir, dass man diesem Instrument mit mehr Respekt begegnet."
Ein Instrument, das zu beherrschen Kraft, Widerstandsfähigkeit und Ausdauer erfordert - Eigenschaften, über die André zweifellos verfügte. Der Bergarbeitersohn aus Alès, Hauptstadt der Cevennen und gelegen in der Weinliebhabern wohlbekannten Region Languedoc-Roussillon, hatte mit 14 eine Lehre als Grubenarbeiter begonnen, und es sah ganz danach aus, als würde er die Familientradition fortsetzen. Die Zeit unter Tage war für André nach eigenen Worten "eine Schule der gegenseitigen Hilfe, der Aufrichtigkeit - ganz das Gegenteil der Musik- und Medienwelt".
In die geriet er hinein, als sein musikalisches Talent entdeckt wurde - auch dies familiär bedingt; der Vater spielte Trompete im Bergmannsorchester.
Und so verließ der Knappe Stollen und Waschkaue und ging nach Paris ans Konservatorium. Schon im ersten Studienjahr erhielt er einen Preis für (das leichter zu beherrschende) Kornett; ein Jahr später einen weiteren für sein Trompetenspiel. Nach dem Studium wurde er zunächst Solotrompeter beim Orchestre Lamoureux in Paris, ehe er 1963 beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD in München siegte und fortan als Solist durch die Konzertsäle rund um den Globus tourte.
Er revitalisierte die Barockmusik, für die die Trompete eines der wichtigsten Soloinstrumente war, und gab, da er bei den Klassikern kaum fündig wurde, Werke in Auftrag, etwa bei seinen Landsleuten André Jolivet, Marcel Landowski und Henri Tomasi. Von 1967 bis 1978 hatte er außerdem eine Professur am Pariser Konservatorium.
Vertrauen auf Vertrautes


Der Mangel an geeigneter Trompetenliteratur schlägt sich auch im Programm des Festivals nieder: Neben den eingangs erwähnten Konzerten bleibt die Trompete weitgehend im Schatten des Orchesters. Festival-Chef Vladimir Spivakov und die Kollegen, die er eingeladen hat - das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski, das Württembergische Kammerorchester Heilbronn, dazu als Solisten unter anderem Frank-Peter Zimmermann (Geige), Grigory Sokolov (Klavier) sowie den Sohn des Geehrten, Nicolas André, der die Familientradition weiterführt und ebenfalls Trompeter geworden ist - haben überwiegend die üblichen Klassiker im Gepäck und verlassen sich im Großen und Ganzen auf die Attraktivität des Bekannten und Vertrauten.
Und so können sich die Besucher freuen auf Klassik und gemäßigte Moderne, auf Barockes und Romantisches und hier und da auch einen Abstecher in Popgefilde (Gershwins "Porgy and Bess", Schostakowitschs "Jazz Suite"). Und vielleicht erlebt das Publikum sogar, was Maurice André in einem Interview mit der Zeitung Le Monde einmal behauptet hat: "Die Trompete kann auch Mädchen im Reigen tanzen lassen."
Vielleicht auch in diesem Sommer in Colmar? no

Das Festival dauert vom 3. bis 14. Juli; Karten zum Preis von 8 bis 60 Euro (ermäßigt 4 bis 21,50 Euro) und weitere Infos unter <%LINK auto="true" href="http://www.festival-colmar.com" class="more" text="www.festival-colmar.com"%>