Wenn ein Klick dich zum Opfer macht

Wenn ein Klick dich zum Opfer macht

Sven ist ein Außenseiter. Wäre er früher Ziel von Hänseleien und Rangeleien in der Klasse, ist er in Zeiten des Internets weltweiten Diffamierungen ausgesetzt. Wie leicht Jugendliche Opfer von Cybermobbing werden können, zeigt eindrucksvoll das Team des Kulturlabors Trier in Esther Rölz‘ Stück "4 your eyes only". Für Erwachsene sind zwei Vorstellungen reserviert: am 1. und 2. Mai.

Trier. Es sind nur ein paar Klicks, die seine Freundin ins Verderben stürzen. "Was man halt so macht im Suff", versucht sich Kian rauszureden, nachdem Anouk mit ihm Schluss gemacht hatte. "Ich hab‘s morgens rausgenommen." Zu spät, da haben alle in der Schule auf dem Smartphone gelesen, dass Anouk es schon mit zwölf Jahren getrieben hatte.
Nun wird die 15-Jährige überschüttet mit Posts. Bei jedem "Pling" von Smartphone und Laptop zuckt Schauspielerin Larissa Enzi zusammen, krümmt sich wie unter Schmerzen, bis sie auf dem Boden liegt. "Hure" ist noch das Harmloseste, was sie zu lesen kriegt. Sogar ein Porno, in dem Anouks Kopf montiert ist, kursiert im Internet. Der blanke Horror, den sie mit Wodka ertränkt. Dann eskaliert die Situation endgültig.
Dabei fängt alles recht harmlos an in Esther Rölz‘ preisgekröntem Stück "4YEO" (ausgeschrieben: "For your eyes only") in der Tufa - die Uraufführung war Mitte April in Castrop-Rauxel. Anouk erhält - ganz anachronistisch - einen Liebesbrief von Sven (Sebastian Gasper). "4YEO" ("vertraulich") steht drauf. Sie zeigt ihn Kian (Thomas Pfertner), der mit seinen Freunden Sven verprügelt und das Video ins Netz stellt. Sven ist der typische Außenseiter, der Ballerspiele zockt und auf seinen Boxsack eindrischt. Und dieser Mof (Mensch ohne Freunde) gräbt die beliebte Anouk an. Gasper gelingt es, Svens Zerrissenheit zwischen Aggressivität und Romantik, aber auch seine Hinterhältigkeit deutlich zu machen. Denn Sven spielt ein Spiel: Unter falschem Namen chattet er mit ihr im Bonsai-Forum. Bricht ein in ihre kleine kontrollierbare Welt, in der sie sich nach der Sexattacke zurückgezogen hat.
Liebe in Zeiten des Internets hat etwas Unpersönliches. Likes sind wichtiger als körperliche Nähe. "Komm, wir chatten", sagt Kian, "lass uns küssen" nie. Enzi und Pfertner scheinen stetig unter Strom zu stehen, wartend auf die nächste Nachricht, den nächsten Chat. Smartphone und Laptop sind im Dauerbetrieb.
Das Bühnenbild ist dezent. Bett und Nachtisch bilden Anouks Zimmer. Svens Raum dominiert ein Bildschirm, der auf Kisten thront. Die offene Bühne erleichtert es Regisseur Alexander Ourth vom Kulturlabor Trier wie in einem Film von einer Szene zur nächsten zu springen. Spotlights setzen Grenzen zwischen den Räumen. Die Videoprojektionen sind mehr als Hintergrund, sie gehören zum Spiel. So scrollt auf der Leinwand Anouks Facebook-Eintrag wie auf einem Smartphone herunter, wenn Pfertner seinen Arm hochreißt.
Die Eltern scheinen desinteressiert, tauchen nur als Stimmen aus dem Off auf, die Besuch anmelden. Dabei ist das Thema Cybermobbing aktuell wie nie - die Mehrheit der gut 60 Schüler in der Premiere erlebt es täglich. So wie ihre Eltern früher die Spötteleien auf dem Schulhof. mehi
Weitere Termine: 1., 2. Mai, 18 Uhr, 4., 5., 6., 7., 8. Mai. 10 Uhr in der Tufa Trier.

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