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Trier
Wenn es Nacht wird in der City

Thomas Quasthoff beim Konzert im Robert-Schuman-Haus mit Frank Chastenier am Klavier.
Thomas Quasthoff beim Konzert im Robert-Schuman-Haus mit Frank Chastenier am Klavier. FOTO: TV / Eva-Maria Reuther
Trier. Ein eindrückliches Jazzkonzert mit heiter bis ernsten Zwischentönen präsentierten Thomas Quasthoff und Frank Chastenier im Rahmen des Mosel Musikfestivals in der ausverkauften Aula des Robert-Schuman-Hauses in Trier.

Als ihm beim Tod seines Bruders vor sechs Jahren die Stimme versagte und er kurz darauf seinen Abschied als klassischer Sänger ankündigte, ergriff Entsetzen seine Fangemeinde. Gut ein Jahr später stand Thomas Quasthoff wieder auf der Bühne, diesmal als Kabarettist. Allerdings nur für kurze Zeit.

Inzwischen hat sich der Sänger als Jazzinterpret einen Namen gemacht. Zu einem Jazzkonzert ist der Künstler auch an diesem Abend im Rahmen des Mosel Musikfestivals nach Trier gekommen. Mit ihm angereist ist der Pianist seines Jazz-Trios Frank Chastenier, der sich im Laufe des Abends als hochsensibler Musiker wie Begleiter ausweist. „The Night and the City 2“ heißt das Programm. Passend gepflegte Bar-Atmosphäre verstrahlt die rote Disco-Beleuchtung der Aula des Robert-Schuman-Hauses. Mit einem Scherz über rotes Licht und Rotlicht hat der Sänger sogleich die Lacher auf seiner Seite und das bis zum Schluss. Wenn der Bariton so singend und erzählend sein Publikum mitreißt, verdichtet sich eindrücklich, was dieses neue Künstlerleben ausmacht: die Stimmmacht des einstigen Opernsängers, ein Humor, der zur Satire neigt (nicht zuletzt in eigener Sache) und seine Lust an der Klangkunst von Pop und Jazz. Zu Wort kommt zudem der gesellschaftspolitisch engagierte Künstler. Immer wieder warnt er seine 250 Zuhörer vor dem Rückfall in nationalsozialistische Verhältnisse und vor der AfD: „Ich möchte nicht, dass diese braunen Bonzen eine Regierungsverantwortung bekommen.“ Und US-Präsident Trump kriegt auch gleich eins auf die Mütze.

Gleichwohl gilt auch für den Sänger: „prima la musica“, soll heißen: Die Musik steht an erster Stelle. Um deren Zustand macht sich der Hochschullehrer an der renommierten Berliner Hochschule „Hanns Eisler“ bekanntlich schon länger Sorgen. In Trier empfiehlt er seinem Publikum dringend, sich Neuem zu öffnen. Der Mensch neige leider nun mal dazu, es sich im Bekannten bequem zu machen, weiß der Sänger. „Das Schöne an der Kunst wie an der Musik ist, dass sie sich weiterentwickeln.“

An diesem Abend geht es eher um Bewährtes und Beliebtes. Quasthoff hat ein Programm aus Jazz- und Pop-Klassikern mitgebracht. Nach einem melancholischen „Stardust“ geht es weiter mit Steve Wonders „For once in my life“ und „I can’t stand the rain“ von Tina Turner. „Hätten Sie wohl lieber von Tina Turner im kurzen Lederrock gehört?“, fragt der Sänger augenzwinkernd. Braucht es aber gar nicht. Denn Quasthoffs beredte Stimme ist genau das, was Christian Morgenstern als Wesen der Kunst bezeichnete: „typisch und aus dem Leben gegriffen“.

Der Opernsänger klingt auch noch im Jazz-Sänger. Ganz von innen kommt diese seelenvolle Stimme, die Spiel und Geste ist. Wenn Quasthoff singt: „Lost my mind“  hätte er gar nicht vorher ankündigen müssen, dass hier eigenes Seelenleben im Spiel ist. Das ist unüberhörbar. Eine fulminante Improvisation reißt das Publikum von den Stühlen. Schließlich: John Lennons berühmtes „Imagine“ – inhaltlich sozusagen die Pop-Version des klassischen „Alle Menschen werden Brüder“. Quasthoff verleiht dem Kult-Song seine eigene Note. Tief hinunter Richtung Bass geht die Stimme. Ein wenig klingt Louis Armstrong mit, vor allem aber Quasthoffs Sehnsucht nach einer besseren, versöhnten Welt.

Zwischendurch denkt Chastenier ohne Worte am Klavier über Herbert Grönemeyers Song „Mensch“ musikalisch nach. Blumen für die Damen: „You are so beautiful“ singen und spielen Quasthoff und Chastenier. Gewidmet ist der Song ihren Frauen. Aber auch die übrigen Besucherinnen dürfen ihn in Anspruch nehmen. Zum Ende stürmischer Applaus, Standing Ovations und eine lange Schlange am Signiertisch.