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Wenn Musik zum Hauptdarsteller wird

Wenn Musik zum Hauptdarsteller wird

Normalerweise dient ein Soundtrack dazu, das Geschehen eines Films musikalisch zu begleiten. "Can A Song Save Your Life?" (Kann ein Lied dein Leben retten?)dreht den Spieß um: Hier sind es die Lieder, die die Handlung vorantreiben und dem Zuschauer zeigen: Musik verändert alles.

Trier. Kino und Musik - das war von Beginn an eine innige Beziehung. Stummfilmvorführungen lebten von der Klavierbegleitung, die das Leinwandgeschehen dramatisch überhöhte. Mit der Tonspur hielten Musicals und Revuefilme Einzug in die Lichtspielhäuser. Später kamen Dokumentarstreifen über Bands, Konzerte und Tourneen hinzu sowie Spielfilme, die von Musikern oder der Musikbranche handeln. Mittlerweile gibt es sogar Filme, die in Clubs und Diskotheken spielen.
Und selbst wenn die Handlung einmal nichts mit Musik zu tun hat, sorgt die akustische Untermalung dafür, dass wir Liebe und Leid, Hochspannung und Grusel intensiver erleben. Ja, manche Filme werden erst durch die Musik überhaupt zu Klassikern - kann man sich "Spiel mir das Lied vom Tod" ohne Mundharmonika vorstellen?
Umso mehr überrascht es, dass es bisher kaum Filme gab, die sich damit beschäftigen, warum wir Musik hören, was sie in uns auslöst und wie sie uns verändert. Vorhang auf für "Can A Song Save Your Life?" (Im Original "Begin Again”): Ein Liveclub in New York. Eine junge Frau mit Gitarre (Keira Knightley) singt ein selbst verfasstes Lied, "A step you can\'t take back". Und schon nach einer Strophe ist klar: Diese Frau ist kreuzunglücklich; ihre große Liebe hat sie betrogen und verlassen. Wofür ein Schriftsteller Dutzende von Seiten gebraucht hätte, erzählt das Lied in drei Minuten.
Szenenwechsel: ein Scheidungsvater (Mark Ruffalo) und seine Tochter (Hailee Steinfeld), die einander fremd geworden sind. Irgendwann greift sie zur Gitarre, und er setzt mit dem Bass ein. Als der Song zu Ende ist, sind sich die beiden wieder nah. Wofür ein Familientherapeut zahllose Sitzungen benötigt hätte, schafft die Musik in ein paar Akkorden.
Viele besondere Momente


"Can A Song Save Your Life?" ist reich an solchen Momenten. Wir werden Zeuge, wie der Seitensprung eines Popstars (Adam Levine) dadurch auffliegt, dass ihm beim Hören eines Liedes die Mimik entgleist. Wir sehen einen abgewrackten lebensmüden Produzenten, der den Glauben an das Leben wiederfindet, als er - siehe oben - ein junges unglückliches Mädchen singen hört.
So ergibt Minus mal Minus am Ende doch Plus. Und die Frage, die der Titel stellt, kann eindeutig beantwortet werden: Ja, ein Lied kann ein Leben retten (oder zumindest akuten Liebeskummer erträglicher gestalten). Vor allem dann, wenn Keira Knightley zum Mikrofon greift. Mag schon sein, dass Carole King, Eddie Brickell, Katie Melua oder Norah Jones bessere Sängerinnen sind. Doch auch dies führt "Can A Song Save Your Life" eindrucksvoll vor Augen/Ohren: Es geht bei Musik nicht ums Bessersein, sondern um Wahrhaftigkeit. Wenn Knightley ihre traurigen Lieder anstimmt, glaubt man ihr jedes Wort und jeden Ton. Daher braucht dieser wunderschöne Film, der nebenbei eine Liebeserklärung an New York ist, auch kein klebrig-zuckriges Happyend. Denn das hat der Zuschauer nach 100 Minuten verstanden: Wenn der falsche Mensch dein Leben verlässt, bleibt dir immer noch das richtige Lied.
Der Film läuft aktuell in Trier im Broadway Filmpalast.
Extra

Zehn Filme, die von der Musik leben:Heißer Sommer (1968): Ostzonen-Musical voller Lebensfreude; so lässig war die DDR nie wieder. Nashville (1975): Unsympathische Darsteller singen großartige Songs; unbarmherziger Film über die Countryszene. Blues Brothers (1980): Die haben nicht den Blues, sondern Rhythm & Blues. In keinem Musikfilm gehen mehr Autos zu Bruch. Die Commitments (1990): Die "härteste Arbeiterband der Welt" will den Soul nach Irland bringen - und scheitert grandios. Dancin\\' Thru the Dark (1990): rabenschwarze englische Komödie, die fast ausschließlich in einer Disco spielt. Nicht zu verwechseln mit "Dancer in the Dark". Jackie Brown (1998): Retro-Kriminalkomödie von Quentin Tarantino, die den Soul der frühen 70er feiert. High Fidelity (2000): Wie Musik und Beziehungen zusammenhängen: Verfilmung des gleichnamigen Romans von Nick Hornby. 8 Mile (2002): Wie aus einem Ghetto-Kid ein Rapstar wird. Mit Eminem in der Hauptrolle. Verschwende deine Jugend (2003): Ein Bank-Azubi will die Neue Deutsche Welle in Gestalt von DAF nach München bringen, scheitert aber mit diesem Plan. Radio Rock Revolution (2009): fiktive Geschichte eines englischen Piratensenders der 60er. Der Soundtrack umfasst 36 Lieder. fjö