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Wenn Tiere sprechen könnten von Sigrid Ertl

Literatur : Wenn Tiere sprechen könnten

Kein Märchen, sondern ein Politikum: „Der Aufstand der Tiere – die große Wende“ ein Roman von Sigrid Ertl.

Tiere, die sich wie Menschen verhalten, die denken, handeln, reden und auch streiten wie ganz normale Personen – sie gehören zum eisernen Bestand der Kinderbuch-Literatur. Von Felix Saltens „Bambi“– und „Perry“-Romanen über den gemütvollen Autor und fanatischen Nazi Wilhelm Matthiessen bis zu Ina Seidels Märchen-Paraphrase vom „Wunderbaren Geissleinbuch“ und noch weit darüber hinaus zieht sich eine Spur von literarischen Entwürfen, die sich an Kinder richten und dabei vor allem auf eins abzielen: Fremdes vertraut zu machen, den Unterschied zwischen Mensch und Tier aufzuheben und die Natur als Ganzes zu begreifen und zu vermitteln. Wer Sigrid Ertls Roman „Der Aufstand der Tiere – die große Wende“ liest, erkennt indessen rasch: Trotz seiner kindgerechten Sprache ist dieses Buch nicht in erster Linie ein Kinderbuch. Die Trierer Autorin, im Beruf Heilpraktikerin, charakterisiert ihr Buch-Projekt ganz anders: Als Parabel, als Roman, als Jugendbuch „und eines für Erwachsene, die hinter die märchenhafte Fassade blicken“. Anders ausgedrückt: „Der Aufstand der Tiere“ ist ein literarisches Politikum. Das Buch benennt hinter beschaulicher Kulisse all die Grausamkeiten, die in der sogenannten zivilisierten Gesellschaft verdrängt oder achselzuckend hingenommen werden.

Bei Sigrid Ertl zeigt die Tierwelt eine Solidarität, die den meisten Menschen fehlt. Und doch verbreitet die Autorin keineswegs eitel Harmonie. Auch unter den Tieren gibt es Konflikte, Missverständnisse, misslingende Vorhaben. Und doch: Die Natur wie Sigrid Ertl sie beschreibt, könnte auch das Ideal einer humanen (Menschen-)Gesellschaft sein. Höhepunkte des Buchs sind die heftigen Konflikte zwischen der Tierwelt und einer manipulativen Menschengesellschaft, die Digitalisierung vergöttert und natürliches Leben nicht mehr zulassen will. So entwickelt die Autorin eindringlich und dabei erzählerisch virtuos die Vision von einer Tiergesellschaft, die entschieden und wirkungsvoll aufbegehrt gegen den alltäglichen Konsum der Menschen und seine gelegentlich offene, aber oft versteckte und verdrängte Brutalität. Und die mit ihrem Kampf gegen die Naturzerstörung und die täglich tausendfache Vernichtung von Leben am Ende Erfolg hat.

Es ist eine sehr konkrete Utopie, die Sigrid Ertl in ihrem Buch entwirft. Natürlich ließen sich nach der Lektüre auch einige Fragezeichen setzen. Kann die Lebensweise von 1958 oder 1959 wirklich das Ideal einer zugleich natur- und menschenfreundlichen Gesellschaft sein? Kann die wirtschaftliche Autonomie eines Landes, das sich vorwiegend selber versorgt, ein Schlüssel werden zur Gesellschaft der Zukunft? Und wie sieht es aus mit einer „Umweltpolizei“ jenseits des staatlichen Gewaltmonopols? Aber auch wenn Antworten darauf nachdenklich und vielleicht ablehnend ausfallen mögen – die zugrundeliegenden Fragen behalten ihre Brisanz.

Und die Tiere? Sie kehren am Ende zurück zum ungestörten Leben mit und in der Natur. Sprechen miteinander und mit den Menschen werden sie nicht mehr. Warum auch? Sie haben ja ihr Ziel erreicht. Die Autorin resümiert: „Eine verbale Verständigung mit ihren alten Peinigern war auch nicht mehr nötig. Sie wurden als fühlende Wesen respektiert und lebten unbelästigt neben den Menschen daher.“

Sigrid Ertl, Der Aufstand der Tiere – die große Wende. Books on Demand, Norderstedt, 200 Seiten, 14 Euro