Wenn Tschaikowskis Seelenwelt zur Klangwelt wird

Wenn Tschaikowskis Seelenwelt zur Klangwelt wird

Mit einem Abend voller Klangsinn und Intelligenz haben die Musiker des Züricher Tonhalle-Orchesters unter der Leitung von Michal Nesterowicz und mit dem jungen Pianisten Rafal Blechacz etwa 1100 Zuhörer in der Philharmonie begeistert. Leider blieb wegen des widrigen Wetters ein Teil der Plätze leer.

Luxemburg. Ein Klangbild der Seele ist Peter Tschaikowski 4. Sinfonie in f-Moll. "Es ist darin kein Strich, der nicht meinen aufrichtigsten Gefühlen entstammt", bekannte der Komponist. Als einsichtiger wie einfühlsamer Mittler dieser Seelenwelt zwischen Endzeitstimmung und Glücksmomenten erwies sich das Tonhalle-Orchester Zürich in der Luxemburger Philharmonie. Für den erkrankten Dirigenten David Zinman war der engagierte, leidenschaftliche Michal Nesterowicz eingesprungen. Sichtlich erschöpft und mit schweißnassem Haar verbeugte er sich am Ende vor dem jubelnden Publikum.
Verstörung und Übermut


Das Züricher Orchester ist ein ausgesprochen intelligent musizierendes Ensemble. Dazu kommt sein feiner, moderner Klangsinn. Michal Nesterowicz und seine Musiker machten den Einfallsreichtum und die in Klang gefasste, widersprüchliche Gefühlswelt der Sinfonie fühlbar und miterlebbar - die tiefe Verstörung, das bittere Lachen, den schrillen Übermut und jene, wie flüchtige Schatten durch die Musik huschenden Glücksgefühle. Und das ohne jede Rührseligkeit und Gefühlskitsch. Dafür sorgten allein die Geiger mit ihrem schlanken Ton und die deutlichen Konturen der Instrumentenblöcke.
Gefühlsschlacken konnten sich unter Nesterowicz\' Dirigat gar nicht erst bilden. Hier wurde straff dirigiert, aber nicht dick aufgetragen. Wunderbar die hauchzarten Streicher, ihr huschendes Pizzicato im Scherzo. Schicksalshaft erklang die Fanfare aus Hörnern und Fagotten im ersten Satz.
Funkelnde Läufe


In Klang umgesetzte Einsicht und Gefühl waren auch Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr. 2 in B-Dur. Als Solist saß der hochbegabte Rafal Blechacz am Flügel. Analytisch und mit geradezu anrührendem Sinn für Schönheit und Sinn des Klangs spielte der junge Pole. Der atmenden sinfonischen Einleitung des Orchesters antwortete er pfiffig mit funkelnden Läufen und Trillern. Nachdenklich und voller Innerlichkeit erklang das Adagio. Weit hinaus auf das spätere Werk wies die Musik.
Zum Ende: ein übermütiges Rondo. Da war er wieder, jener himmelstürmerische Beethoven mit seiner ansteckenden Freude. Ein guter Interpret müsse historische Musik so vermitteln, dass ihr Geist für ein heutiges Publikum erlebbar sei, fordert der Musikschriftsteller Nikolaus Harnoncourt. Das gelang den Züricher Musikern ohne Frage. Schon gleich am Anfang übrigens, als der Abend in Hector Berlioz\' Ouverture "Le Corsaire" sozusagen mit einem Peitschenhieb der Geiger begann. Fast wie Jazz-Rhythmen klang die anschließende wilde musikalische Jagd.

Mehr von Volksfreund