1. Region
  2. Kultur

Wenn Verrückte Blinde führen

Wenn Verrückte Blinde führen

Scharfsinnig und -züngig legt Urban Priol den Finger in die politische und gesellschaftliche Wunde. Er stößt beim Trierer Publikum nicht nur auf helle Begeisterung, sondern auch auf vollstes Verständnis.

Trier. Ein alkoholfreies Weizen in der einen Hand, ein orangefarbenes Reclambüchlein in der anderen Hand, unterm Arm die Notizen, so kam Urban Priol auf die Bühne der Europahalle gestürmt. Die Haare verwuschelt, der Gang eine Millisekunde zu schnell, das Hemd mit quirligem Muster über einer praktischen Jeans, so trugen ihn die giftgrünen Turnschuhe an die Stehtisch-Bierzeltgarnitur.
Ein Schluck aus dem Weizenglas


Schnell noch die Notizen ausgebreitet und einen Schluck aus dem Weizenglas genommen, um die Kehle zu befeuchten. Denn die hat in den nächsten drei Stunden immerhin allerhand zu tun, und schon geht er los, sein Rückblick auf das Jahr 2014.
Mit wortgewandter Zunge, bitterbösem Scharfsinn und rabenschwarzem Humor entlarvt er pointenreich, was und warum uns etwas dieses Jahr bewegte; noch viel wichtiger, warum es uns hätte mehr bewegen sollen. Aber nach jahrelanger Behandlung durch die Volksanästhesistin, übrigens eine seiner netteren Umschreibungen für die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel, digitaler Abstumpfung durch Technik-Großkonzerne mit Tafelobst im Logo und schleichender Entmündigung kann den Deutschen nichts mehr aus der (Ver)Fassung bringen.
Ob Deutschland auf die Couch muss, fragen andere Länder. Urban Priol antwortet: Eine Couch bietet nicht genug Platz, da muss schon ein ganzes dänisches Bettenlager her. Da, wo langsam die Altersweisheit eingekehrt sein könnte, stößt sie unaufhörlich an eine Firewall aus Altersstarrsinn, die sie darin hindert, sich selbst auf der mentalen Festplatte zu installieren.
Wo gesunder Menschenverstand nicht mehr aushelfen kann, hilft Google auf die Sprünge. Wo es an den einfachsten Kompetenzen fehlt, greift die Rundum-Beplankung im neuen Leasing- Fahrzeug.
Da war seinerzeit das analoge Leben 1.0 schon entspannter, so bewertet Priol die digitale Entwicklung der Gesellschaft: Zeiten, in denen auch Politiker ihre geistigen Wortschöpfungsbunker nicht über Google auffrischen und über die Bild, Gala und Bunte wieder verwässern lassen konnten.
Der Kabarettist mit dem schnellen Mundwerk und dem noch schnelleren Verstand legte vor dem Trierer Publikum mehr als einmal den Finger in die Wunde: fragte, ob die aktuelle Klimapolitik noch als aktive Sterbehilfe durchgeht, befürwortete, dass die Stiftung Warentest niemals das Grundgesetz genauer unter die Lupe genommen hatte, und enttarnte die derzeitige Verteidigungsministerin als einzige funktionierende Blendgranate der Bundeswehr sowie den amtierenden Präsidenten als Verbalhooligan.
Es gilt das gebrochene Wort


Dem Publikum gefielen die ehrlichen Worte und die Imitationen der einzelnen Politiker, die Priol beherrscht wie kein zweiter. Für Uwe und Marlies Schmitz aus Trier war von vorneherein klar: "Wenn er in Trier ist, dann haben wir Karten."
Priol selbst blieb am Ende nur übrig, allen ein frohes neues Jahr zu wünschen und zu hoffen, dass man die guten Vorsätze im neuen Jahr nicht direkt wieder erbricht. Immerhin zählt in diesem Land noch das gebrochene Wort. sbra