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Wer den Schaden hat...

Wer den Schaden hat...

TRIER. Wer als Intendant auf "Die Fledermaus” setzt, hat meist gute Karten, weil die Strauß-Operette stets ein volles Haus verspricht: Vor allem, wenn sie so vergnüglich in Szene gesetzt wird, wie am Stadttheater Trier von Heinz Lukas-Kindermann.

Eine echt Wiener Melange: Ein einstiger Popsänger als Gabriel von Eisenstein, ein Trierer Urgestein als Gefängniswärter Frosch, ein TV -Redakteur als Texte-Schreiber und dazu das Ensemble des Trierer Theaters. Eine skurrile Mischung, die sich so nur ein Wiener ausdenken kann. Doch Intendant Heinz Lukas-Kindermann ist schon immer für Überraschungen gut gewesen. Aus einem Füllhorn von Ideen schuf er seine "Fledermaus” (Uraufführung 1874 in Wien) mit Liebe zum Detail. Eine spritzige, witzige Regie ist dabei herausgekommen - mit einiger unfreiwilliger Komik, die aber das Bühnengeschehen in einem umso symphatischeren Licht erscheinen lässt, wozu ein glänzend aufgelegtes Ensemble beiträgt. Im tief verschneiten Wien (Ausstattung: Maroine Dib) blühen die Intrigen. Nur, dass hier in Österreich die Linie zwischen Guten und Bösen schwer zu ziehen ist. Täter sind Opfer und umgekehrt. Weil Dr. Falke (Andreas Scheel) einst Opfer eines üblen Streichs geworden ist, will er sich nun an seinem Freund Gabriel von Eisenstein (Thomas Kießling) dafür rächen. Damit setzt er ein Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel in Gang, das fortan die Handlung bestimmt. Dabei gibt es auch Verlierer. Gesangslehrer Alfred (perfekt: Gor Arsenian) etwa. Erst hohes C, dann Wasser und Brot

Seine schmachtenden Gesänge stoßen bei Rosalinde (Annette Johansson) auf taube Ohren. Und auch sein hohes C trägt allenfalls dazu bei, dass er nur schneller im Kittchen bei Wasser, Brot und Gefängniswärter Frosch (Helmut Leiendecker) landet. Ein glattes Versehen zwar, wie Gefängnisdirektor Frank (Nico Wouterse) nach der durchzechten Ballnacht bei Prinz Orlofsky (Eva-Maria Günschmann) feststellen muss. Doch wer den Schaden hat Den trägt an diesem Abend die Musik davon. Schon bei der Ouvertüre klappert's. Die Übergänge sind holprig, der Schwung, der Elan, das Temperament des Wiener Walzers lässt das Städtische Orchester unter Leitung von István Dénes vermissen. Schlimmer jedoch wirkt sich dies auf die Gesangsnummern aus. Ein Missverhältnis zwischen Orchester und Sängern schmälert den Operettengenuss: Das Orchester prescht vor, die Sänger haben Mühe zu folgen. Das wächst sich bei den Ensembleparts, besonders bei den Choreinsätzen (Chor: Eckhard Wagner) derart aus, so dass einzelne Nummern regelrecht auseinander fallen. Der Spielfreude der Akteure tut dies jedoch keinen Abbruch. Annette Johansson brilliert als selbstbewusste Rosalinde Eisenstein und findet ihren Counterpart in Thomas Kießlings Gabriel von Eisenstein, der ihr schauspielerisch ebenbürtig ist. Gesanglich allerdings fehlt seinem Tenor Volumen und Durchschlagkraft. Ansonsten gibt er eine tadellose Figur auf dem Operettenparkett ab, ebenso wie Andreas Scheel als sinistrer Falke, der bestens disponiert ist. Auch Nico Wouterse als Gefängnisdirektor geht ihm auf den Leim und gewinnt seiner Rolle, obgleich von der Stimmlage recht hoch für seinen Bass, amüsante Seiten ab. Die vermisst Eva-Maria Günschmanns morbider Orlofsky, bringt dafür ihrerseits dieses Lebensgefühl sängerisch und schauspielerisch tadellos über die Rampe. In dieses Szenario fügt sich Evelyn Czesla als hintertriebenes Stubenmädchen Adele mit kessem Blick und frecher Zunge samt Schwester Ida (Anna Carolin Stein) ein sowie Peter Koppelmann als recht unfähiger Stotter-Advokat Dr. Blind. Das Beste aber kommt zum Schluss: Das Trierer Urgestein Helmut Leiendecker feiert mit dem "Frosch” sein Debüt am Trierer Theater und fröhliche Urstände. Die Texte von TV- Redakteur Dieter Lintz streifen dabei das ganz alltägliche Trierer Leben: Baustellen-Fiasko, Insolvenzen, Eintracht-Talfahrt oder Landesgartenschau und bringen original Trierer Spitzfindigkeiten ins verschlafene Wiener Gefängnis. Der EU sei Dank. Denn hätte Frosch Leiendecker nicht an einem Austauschprogramm teilnehmen müssen, hätte das Theater-Publikum sein kabarettistisches Talent wohl noch lange nicht bemerkt. Die nächsten Termine: 29. November, 2. und 5. Dezember, Kartentel.: 0651/718 1818.