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Wer lernt, braucht Licht und Farbe

Wer lernt, braucht Licht und Farbe

MAINZ. Etwas Erfreuliches jedenfalls haben Pisa und seine Folgen neben allerhand Stilblüten und einem heillosen Aktionismus gebracht: Jetzt steht alles auf dem Prüfstand, was irgendwie mit Schule zu tun hat. Keine Ausnahme machen da die Schulbauten.

"An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" - Der düstere Satz eines deutschen Dichters aus dem Vor-Pisa-Zeitalter gilt für Schulen allemal. Und er gilt auch für die Qualität der Schulgebäude, in denen Kinder gebildet und auf ein selbstständiges Leben vorbereitet werden. Ganz gewiss garantiert ein guter Schulbau noch keinen erfolgreichen Unterricht. Fest steht indes, dass in einem funktionsfähigen freundlichen Schulhaus gleichermaßen das geistige wie soziale Lernen besser gelingt. Ganz abgesehen davon, dass der gebaute Raum selbst ein nicht zu unterschätzender Lehrer ist. In einem qualitätvollen architektonischen Umfeld erwirbt ein Schüler nun mal ein anderes Bild von einer erstrebenswerten Welt als in einer Bruchbude, in der sich das Gewohnheitsrecht des Stärkeren breit macht."Wer Schulen baut, muss Kinder lieben"

Wie also hat ein guter zukunftsweisender Schulbau auszusehen, der auch noch öffentliche Baukultur verkörpert? Die Frage scheint in Zeiten, da Schulen kaum noch geputzt, Klassenräume von den Eltern renoviert werden und Schulleiter im Auftrag der Schulträger damit beschäftigt sind, möglichst kostengünstig ihre Räume nach Schulschluss zu vermieten, so unschicklich wie dringend. Dank Pisa darf sie trotz leerer Kassen wieder gestellt werden. "Wer Schulen baut, muss Kinder lieben," fordert der Karlsruher Architekturprofessor Arno Lederer.Was wie eine Binsenweisheit klingt, ist so selbstverständlich nicht, sonst gäbe es nicht so viele geschmacklose Lernfabriken hierzulande. Dabei verbringt allein ein deutscher Gymnasiast rund 13 000 Stunden in der Schule. Und das in einer Zeit, in der sein Geschmack entwickelt und sein Zugang zur Umwelt und der Umgang mit ihr maßgeblich geprägt wird.Drei grundlegende Forderungen hat denn auch Otto Seydel vom Institut für Schulentwicklung in Überlingen-Hödingen an einen guten Schulbau. Ein Raum, in dem gelehrt und gebildet wird, muss nach Ansicht des Pädagogen geordnete Arbeit und geordnetes Zusammenleben ermöglichen. Er muss den "achtsamen Umgang mit Materialien" fördern und "Schlamperei und Vandalismus" entgegenwirken, er muss die Schüler zum verantwortungsvollen, umweltbewussten Umgang mit Wasser und Wärme anhalten.Natürlich soll ein zeitgemäßer Schulbau auch all die notwendigen Räume zur Verfügung stellen, die der jeweilige "Lehrbetrieb" verlangt: Fach-, Sport- und Klassenräume, zudem variable Räume für den Unterricht in großen und kleinen Gruppen. Ganztagsschulen müssen überdies Ruheräume und Spielzonen für die Schüler sowie Speisesäle und Wirtschaftsräume vorhalten.Nicht, dass sich in der Vergangenheit niemand über gute Schulbauten Gedanken gemacht hätte. Berühmte Architekten wie Eliel Saarinen oder Hans Scharoun haben schon im vorigen Jahrhundert wegweisende Schulen errichtet, die noch heute in Betrieb sind, und auch Günter Behnisch hat als Nachkriegsarchitekt mit seinen Rund- und Vieleckbauten versucht, den Kasernenbau des "grauen Pennals" hinter sich zu lassen. Auch in der Region gibt es das ein oder andere schöne Beispiel für guten, modernen Schulbau. So darf der Atrium-Bau des Wittlicher Cusanus-Gymnasiums bis heute als wegweisend gelten.Wie künftig ein guter Schulbau auszusehen hat, zeigt neuerdings ein Wettbewerb, den die Wüstenrot-Stiftung zum Thema veranstaltet hat. Fest steht: der ungegliederte monumentale Schulbau für ebensolche Schülermassen ist "out". Farbe und Licht bestimmen das Klima. Unerlässlich ist gerade für Schulanlagen mit unterschiedlichen Schularten und hohen Schülerzahlen eine klare, gut unterscheidbare Gliederung der Bereiche wie etwa in der Maria Montessori-Gesamtschule in Aachen. Etwa 1100 Schüler können in dem Bau der Architekten Kasper & Klever, der den ersten Preis gewonnen hat, unterrichtet werden.Schutzzone vor der Welt und Tor zur Welt

"Sich die Welt anzueignen" sollen die Schüler in der Anlage herausgefordert werden, die sich in gut verbundene Lehr- und Studienhäuser und einen Garten gliedert. Die farbliche Absetzung erleichtert die Orientierung. Schule muss gleichermaßen Schutzzone vor der Welt sein wie Zugang zu ihr. Unerlässlich ist für eine guten Schulbau daher auch seine städtebauliche Anbindung. Unterschiedlich bewertet wird von Schulplanern der Nutzen variabler Räume. So plädieren viele Experten heute wieder für feste Klassenräume mit Wiedererkennungseffekt.Eine Beteiligung der Schüler bei der Planung praktiziert Architekt Peter Hübner aus Neckartenzlingen. Der Holzbau seiner Evangelischen Gesamtschule in Gelsenkirchen ist nicht nur Lebens- und Stadtteilschule, er dient auch als Bürgerhaus.Etwa 50 Millionen Euro gibt das Land Rheinland-Pfalz pro Jahr für Schulbau aus. Das ist angesichts heutiger Baukosten nicht übermäßig. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb unter den 406 eingereichten Projekten beim Wettbewerb kein einziges rheinland-pfälzisches war.