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Wie kommt der Punkt in Schwanen.See?

Wie kommt der Punkt in Schwanen.See?

Es ist kein Zufall, dass die Schreibweise an eine Internet-Adresse erinnert: Tanztheater-Chef Sven Grützmacher will anhand des 132 Jahre alten Ballett-Evergreens "Schwanen.See" das Thema "Romantik im 21. Jahrhundert" untersuchen. Computer auf der Bühne wird es allerdings nicht geben - dafür aber viele neue Gesichter.

Trier. Wie entlockt man einer gestressten Ballett-Truppe gegen Ende einer anstrengenden Probe kollektives Gelächter und spontanen Beifall? Indem der Chef feststellt, dass seine sorgsam gespeicherten Kritik-Notizen irgendwo im elektronischen Nirwana verschwunden sind. Aber da gibt es den aufmerksamen Assistenten Jean Pierre Lamperti, der das Wichtigste registriert hat. Und so kann Sven Grützmacher doch noch im Schnelldurchgang seinen "Schwanen.See" Revue passieren lassen.

Nicht die immer gleiche Geschichte erzählen



Wer den Trierer Tanztheater-Direktor kennt, weiß, dass er kein Freund altbackener Deutungen ist. "Schwäne jagende Prinzen in Strumpfhosen, das glaubt doch heute keiner mehr", sagt Grützmacher und verweist darauf, "dass sich Tempo und Kommunikation seit Tschaikowski völlig verändert haben".

Da sei es "uninteressant, zum hundertsten Mal die gleiche Geschichte zu erzählen". Ein romantisches Märchen soll es bleiben, aber eines, das sich mit den Kommunikationsformen der Jetztzeit auseinandersetzt. Laptops auf der Bühne braucht allerdings niemand zu erwarten. "Das wäre mir zu plakativ", versichert der Choreograf, der seine Stücke mit komplexen Gedankengängen zu unterfüttern pflegt. Ob die Tänzer immer verstehen, welche Interpretations-Tiefe ihren Bewegungen zugrunde liegt? "Sven erklärt uns sehr konkret, was er sich denkt", erzählt Juliane Hlawati, eines der vier in dieser Saison neu hinzugekommenen Ensemble-Mitglieder. Es gebe "eine klare Definition, was wie aussehen soll".

Grützmacher hat in drei Produktionen den Schwanensee selbst getanzt, von klassisch bis modern. Die Musik sei "reine Psychologie", sagt er. In Trier wird Valtteri Rauhalammi die städtischen Philharmoniker dirigieren, und ergänzend zur Ballett-Musik dient Tschaikowskis komplette "Pathétique"-Sinfonie als "Soundtrack". Neuland für Grützmacher, der es als Herausforderung empfindet, "sinfonisch zu choreografieren statt nach einzelnen Nummern".

Dass er dem mit Klischees überfrachteten Klassiker anfangs eher misstrauisch gegenüberstand, daraus macht der Ballettchef keinen Hehl. Aber nun hat er sich das Werk angeeignet, und die Sache hat begonnen, ihm richtig Spaß zu machen. Zumal er mit René Klötzer und Susanne Wessel zwei jungen Tänzern die Hauptrollen anvertraut hat, bei denen es vieles Neues zu entdecken gibt.

Und da ist ja auch noch das zusammenwachsende Ensemble, das die zu Saisonbeginn gekommenen Neuen nach allseitigem Bekunden optimal integriert hat. Der Sensations-Erfolg des "Piaf"-Stücks hat dazu einiges beigetragen, und nun sind weitere neue Facetten des Ensembles zu entdecken.

Und wenn "Schwanen.See" den Erwartungshaltungen des Publikums nicht entspricht? "Man weiß doch gar nicht genau, was die Leute erwarten", antwortet Sven Grützmacher. Klassische Stoffe zeichneten sich "eben dadurch aus, dass sie immer wieder neue Ansatzpunkte eröffnen".

Und im Fernsehen würden sich "die Leute doch ganz schön wundern, wenn es immer noch die gleichen Formate gäbe wie vor vierzig Jahren".

Extra: Die Neuen am Theater Trier

Juliane Hlawati kam in dieser Saison aus Gera nach Trier. Mit der Titelrolle in "Piaf" begeisterte sie das Publikum. Sie hat lange in Berlin gearbeitet und schon eigene Choreografien auf die Bühne gebracht. Erin Kavanagh stammt aus Australien und tanzt seit Mitte der neunziger Jahre in Deutschland. Über Bremerhaven, Chemnitz und Zwickau kam sie nach Trier. Joszef Csaba Hajzer ist Deutsch-Ungar und tanzte im Ensemble Hagen. Er hat schon viele Choreografien gestaltet. Als Maler brachte er es zu eigenen Ausstellungen. Noala de Aquino wurde in seinem Heimatland Brasilien als Tänzer ausgebildet und studierte Tanz in Dresden. Er kam von Gregor Seyfferths Dessauer-Ensemble nach Trier. Jean-Pierre Lamperti kommt aus Korsika, wo er als Präsident der korsischen Tanz-Föderation internationale Festivals organisiert. Er hat an vielen deutschen Häusern gearbeitet, bevor er als Assistent des Direktors und Traninigsleiter zum Trierer Ensemble stieß. Er ist mit Erin Kavanagh verheiratet.