Wie lebt eigentlich die Unterschicht? Autor Christian Baron schreibt über die emotionale Achterbahnfahrt

Literatur : Wie lebt eigentlich die Unterschicht? Autor Christian Baron schreibt über die emotionale Achterbahnfahrt

Christian Barons Roman „Ein Mann seiner Klasse“ geht dorthin, wo es wehtut. Der Autor, der selbst eine Zeit lang in Trier gelebt hat, schreibt über Extremsituationen als Alltag.

So baute man damals in den 60ern und 70ern: Hochhäuser für die „Assis“, Reihenhäuser für die braven Bürger, Bungalows für die Reichen. Wir, die Kinder der braven Bürger, wollten nicht reich sein; wir spielten lieber Fußball als Tennis. Doch noch weniger wollten wir „Assis“ sein. Ein solches Leben – so viel bekamen wir mit – war mit Schlägen und Alkoholvergiftungen verbunden. Das Bild eines betrunkenen Elfjährigen, der mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren wurde, habe ich nie vergessen.

Um genau zu sein: „Ein Mann seiner Klasse“ hat mich wieder daran erinnert. Denn in diesem selbstbiografischen Roman wird reichlich gesoffen und geprügelt. Wenn der Vater in der Kneipe beim Tischfußball gegen Studenten den Kürzeren zieht, ist die Mutter der eigentliche Verlierer – an ihr lässt der Vater seinen Frust aus. Die Gewaltszenen, die Christian Baron beschreibt, sind kaum auszuhalten. Dieser Vater ist ein Monster. Als Leser möchte man das mit ihm tun, was er der Mutter antut: den Kopf so lange gegen die Wand donnern, bis nur noch ein Wimmern zu hören ist. Zorn heißt das erste Kapitel, und das Wort beschreibt treffend, was man nach grad mal drei Seiten empfindet.

Christian Barons Vater (links) ist die Schlüsselfigur des Romans. Foto: Privat

Kapitel 2 bis 11 tragen die Titel Glück, Schmerz, Überraschung, Scham, Stolz, Angst, Liebe, Hass, Hoffnung und Zweifel. Begriffe, die signalisieren: Das Leben in der Unterschicht ist kein langer ruhiger Fluss, sondern eine emotionale Achterbahnfahrt. Doch das interessiert die Reihenhausbewohner nicht. Der verstorbene Reporter Marc Fischer schrieb 2010, es sei „das Problem dieser Generation, dass sie mit Mitte dreißig schon alles gesehen und erlebt [und] jeden versteckten Strand gefunden“ hat. Wir Wohlstandskids setzen, den günstigen Flugtickets sei Dank, den 80er-Jahre-Hit „New York, Rio, Tokyo“ in die Tat um. Dass es Menschen gibt, die sich nicht mal einen Pauschalurlaub in Bulgarien leisten können – diesen Gedanken haben wir verdrängt. An einer Stelle in „Ein Mann seiner Klasse“ heißt es: „Wir hatten bestimmt schon fünfzig Kilometer zurückgelegt. Nie zuvor waren wir so weit aus Kaiserslautern rausgekommen.“

Christian Baron in seiner Kidnheit. Foto: Privat

Schon deshalb ist „Ein Mann seiner Klasse“ ein wichtiges Buch. Es zeigt eine Welt, die in der deutschen Literatur der letzten Jahrzehnte praktisch nicht mehr vorkam. Einen Mikrokosmos, in dem der Existenzkampf den Alltag bestimmt. Für Selbstbespiegelung bleibt da keine Zeit. Einem Menschen, dem vor Hunger der Magen knurrt, steht nicht der Sinn nach Psychoanalyse, sondern nach Fritten und Fleisch. Und wichtiger als das globale Klima ist das häusliche – wenn das kippt, geht nicht nur Porzellan zu Bruch.

Christian Baron bei seiner Einschulung im Jahr 1991. Foto: Privat

All das beobachtet Christian Baron endoskopisch genau. Er beschreibt einen Alltag, der aus Extremsituationen besteht, und zeigt, wie selbstverständlich und normal Armut und Gewalt einem Kind erscheinen, das nichts anderes kennt. Er erzählt von Augenblicken des Glücks in einem hoffnungslosen Leben – der Besuch eines Freizeitparks wird zur „Reise ans andere Ende der Welt“ – und davon, wie das Unglück – der Tod der Mutter – neue Hoffnung bringt. Denn mit dem Einzug bei der Tante und dem Verschwinden des Vaters beginnt für den zehnjährigen Christian sein zweites Leben. Er schafft den sozialen Aufstieg, seine Geschwister nicht.

Warum Letztere scheiterten? In seinem Sachbuch „Proleten, Pöbel, Parasiten“ machte Baron Politik und Gesellschaft hierfür verantwortlich. Sein Roman ist in dieser Hinsicht weniger eindeutig. Er verweigert einfache Erklärungsmuster und Schuldzuweisungen. Selbst der gewalttätige Vater lässt im Verlauf des Romans hier und da menschliche Züge erkennen – ehe er den guten Eindruck mit dem Tritt in den Bauch einer Schwangeren wieder zerstört. Und der Mann vom Jugendamt, der die Barons als „Sozialhilfe-Adel“ verhöhnt, trifft zumindest die richtigen Entscheidungen.

Es fällt schwer, die Wurzel des Übels zu benennen. Und das ist gut so. Auf den Basaren der sozialen Netzwerke, Twitter und Facebook, werden ständig Antworten herausgeschrien, auch zum Thema soziale Gerechtigkeit. Dabei wäre es notwendig – das wird einem beim Lesen des Romans bewusst – überhaupt erst mal die richtigen Fragen zu stellen. Zum Beispiel diese: Weshalb ist Armut mittlerweile ein größeres Tabu als Sex? Warum interessiert es uns mehr, was im Gazastreifen passiert als in der Randzone der eigenen Stadt, dort, wo die sozialen Brennpunkte sind? Warum achten wir peinlich genau darauf, bloß keine Minderheit zu diskriminieren und zu beleidigen, aber lassen alle Zurückhaltung fahren, wenn es um „Assis“ und „Prolls“ geht? Liegt es am Ende daran, dass wir Hochmut und Hohn als Ventil brauchen? Weil uns Armut mehr Angst macht als, sagen wir, Transsexualität? Weil wir insgeheim fürchten, wirtschaftlich und gesellschaftlich abzurutschen (die nächste Rezession kommt bestimmt)? Und weil man dann auf uns so herabschauen würde wie auf die Familie Baron?

„Ein Mann seiner Klasse“ löst solche Gedankenketten aus. Und dass ein Buch dies vermag und nach dem Lesen tagelang nachhallt – das zeigt, zu welcher Klasse dieser Roman gehört.


Christian Baron: „Ein Mann seiner Klasse“, Claassen Verlag, 288 Seiten, 20 Euro. Der Autor liest am Freitag, 17. April, 19 Uhr, in der Buchhandlung Lorenzen in Hermeskeil und am Dienstag, 15. September, 19 Uhr, im Stadtmuseum Simeonstift in Trier.

Ein Interview mit Christian Baron über die Hintergründe seines Romans gibt es hier.