Wie sich die Chöre der Region Trier sich auf die Zukunft einstellen

Serie Singen : Gesungen wird immer

Frische Brise statt Krise: Die Zahl der Chöre und Sänger im Land nimmt wieder zu, sagt der Chorverband Rheinland-Pfalz. Wie sich traditionelle Chöre auf die Zukunft einstellen und was Chöre für Sänger attraktiv macht.

100 Jahre, 125 Jahre, 175 Jahre – Viele Chöre mit langer Tradition feiern stolze Jubiläen – wie etwa der Männergesangverein Trier-Irsch, der kürzlich 100 Jahre alt wurde.  Der Kirchenchor Cäcilia Wiltingen beging im Februar gar sein 230-jähriges Bestehen. Doch in so manchem Chor ist die Jubiläumsfreude nicht ganz ungetrübt, denn die traditionsreichen Chöre haben oft Probleme, ihre Reihen mit jungen Menschen zu füllen. Dabei liegt es wohl nicht an mangelnder Sangeslust. Laut einer Studie des Chorverbands Rheinland-Pfalz aus dem vergangenen Jahr gaben etwa 97,5 Prozent in einer Umfrage an, gerne zu singen.

Für die Chorverbände sind die Nachwuchsprobleme seit Jahren eine Herausforderung. Während der Blick auf die Chor- und Sängerzahlen lange Sorge bereitete, ist man dort mittlerweile zuversichtlicher: „Es geht spürbar bergauf, wir verzeichnen einen Zuwachs an Sängern und weltlichen Chören“, sagt Dieter Meyer, Medienreferent des Chorverbands Rheinland-Pfalz. Alle drei weltlichen Chorverbände im Land kommen zusammen auf rund 120 000 Mitglieder in Chorvereinen, davon sind 56 000 aktive Chorsänger. Zusammen mit Kirchenchören gibt es im Land laut Meyer rund 5000 Chöre und Chorvereine.

Gesungen wird immer, die Frage ist nur, in welcher Form“, bringt Marcus Heintel, Vorsitzender des Kreis-Chorverbandes Bernkastel-Wittlich,  die Lage auf den Punkt. Denn die Chorlandschaft ist in Bewegung. Viele neue Formationen haben sich in den vergangenen Jahren gegründet, teils jenseits von Vereinsstrukturen. Neben Ensembles und Chören können interessierte Sänger etwa bei Projektchören mitmachen – manchmal für nur ein Konzert. „Oft entstehen daraus aber auch reguläre Chöre“, sagt Meyer.

Während manche Männergesangvereine wie in Pünderich weiter regen Zulauf haben, stellen sich andere Traditionschöre neu auf: So singen im Männergesangverein Trier-Irsch mittlerweile auch Frauen mit. Anderenorts finden sich Musikverein, Gesangverein und Ensembles unter einem Dach.

Doch was macht Chöre für Sänger attraktiv? „Es gibt kein allgemeingültiges Rezept“, sagt Marcus Heintel. Ein motivierender Chorleiter und ein modernes Repertoire sind aber meist gute Voraussetzungen für eine Erfolgsstory.

Und manchmal ist es eben das „gewisse Etwas“, das neue Sänger anzieht. „Der etwas andere Chor“ nennt sich die 36 Mitglieder starke Formation „Die neue Generation“ aus Dilmar, die Sängerinnen und Sänger von 18 bis 66 Jahren vereint. Moderne Songs bis hin zu rockigen oder poppigen Weihnachtsliedern stehen bei 20 Auftritten im Jahr auf dem Programm. Auch beim Landeschorfest am 21. August in Mainz (siehe Infobox) ist die neue Generation dabei. Erst im vergangenen Jahr gewann der Chor einen gemeinsamen Auftritt mit der Hamburger Band Revolverheld. „Wenn wir meinen, ein Song im Radio könnte eine Chornummer sein, entwickeln wir das oft selbst“, erklärt Chorleiter Egon Altenhofen die Besonderheit seiner Formation.

Während andere Chöre mit eingekauften Noten üben, stellen sich die Dilmarer ihre Stimmen und maßgeschneidertes Playback gegebenenfalls selbst zusammen. Die Chormitglieder üben mit Aufnahmen zu Hause, bei den Proben geht es dann um das Zusammenspiel. Nachwuchsprobleme hat der Chor nicht, Zu- und Abgänge hielten sich die Waage, sagt Altenhofen. Er geht das Dirigieren eher locker an, ihm geht es wie den anderen im Chor vor allem darum, nach Feierabend Ablenkung und Spaß zu bieten. Kein Wunder, dass manche Chormitglieder sogar bis zu 90 Kilometer Anfahrt in Kauf nehmen.

Musik im Chor – das bedeutet heute oft nicht nur gemeinsames Singen. Beim Jungen Chor Bitburg geht es auch um viel Bewegung. Während Chorleiterin Walburga de Winkel die Stimmen der etwa 30 Sängerinnen und Sänger im Alter zwischen 18 und 35 schult und mit ihnen das Repertoire – oft modern, mal klassisch, mal mit Klängen aus Indien und Südafrika – einstudiert, kümmert sich Tochter Marieke um Choreographie und Inszenierung für die regelmäßigen Mottokonzerte. „Das kann für manchen Sänger schon eine Herausforderung sein, gleichzeitig zu tanzen und zu singen“, sagt Walburga de Winkel, die in der Bewegung auch einen weiteren Anreiz für viele junge Leute sieht, sich dem Chor anzuschließen. An Noten kleben die Sänger nicht – und de Winkel weiß aus Erfahrung: „Durch die Bewegung prägt sich auch manches besser ein.“

Nachwuchsprobleme sind auch für den Chor über Brücken aus Trier ein Fremdwort. Er zählt mittlerweile 190 Mitglieder ab drei Jahren aufwärts – 35 Lehrer und Eltern inbegriffen. Was 2011 mit einer Kooperation zwischen den Chören der Kurfürst-Balduin-Realschule plus und der Egbert-Grundschule begann, sei längst „ein riesiger Sozialverein“ geworden, sagt Dirigentin Julia Reidenbach, die das Projekt initiierte. Und das geht über die Stimmbildung und Konzerte hinaus. „Die Kinder kommen mit Anliegen zu verschiedenen Lebenslagen“, sagt Reidenbach. Es gebe einen engen Zusammenhalt von Kindern, Eltern und Lehrern und zudem Kooperationen mit Jugendhilfeeinrichtungen. Kinder stünden heute in Schule und Freizeit unter erheblichem Druck, sagt die Chorleiterin. „Wir sind ein Chor der totalen Lebensfreude, wo es darum geht, eine gute Zeit zu haben. Die Kinder sollen einfach Spaß haben, ohne der oder die Beste sein zu müssen.“ Auf dem Programm stehen Chorfreizeiten und Konzerte, 2017 stand der Chor zusammen mit Liedermacher Rolf Zuckowski in Trier auf der Bühne. In diesem Jahr ist der Chor Special Guest bei „Christmas Moments“.

Kooperationen mit Schulen stehen bei der Nachwuchsförderung auch auf der Agenda der Chorverbände. Im Landkreis Bernkastel-Wittlich etwa überlegt Heintel vom Kreis-Chorverband, ein Modell aus dem Westerwald aufzugreifen. Dort stellt der Chorverband über einen Förderverein Schulen einen Chorleiter für einen Kinder- und Jugendchor zur Verfügung. Ein Modell, das auch in der Region Trier Schule machen könnte.

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