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Wiedergelesen - Lieblingsbücher

Wiedergelesen - Lieblingsbücher

Was passiert, wenn die Erinnerung, die ein ganzes Leben geprägt hat, sich als falsch entpuppt? "Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe": Doch es war überhaupt kein Mord. Der Protagonist und Erzähler von "Das Phantom des Alexander Wolf" schießt als 16-jähriger Weißgardist in der südrussischen Steppe aus Notwehr auf einen feindlichen Reiter.

Anschließend reitet er mit dem weißen Hengst des Sterbenden fort. Der Verwundete aber überlebt und verarbeitet die Episode aus dem Bürgerkrieg in einer Erzählung. Viele Jahre später arbeitet der Erzähler als Journalist in Paris. Zufällig stößt er auf ein literarisches Werk, "I\'ll come tomorrow". In einer der Erzählungen des Buches erkennt er im Helden und Erzähler sein einstiges Opfer, das in der Steppe nicht gestorben war. Er beginnt die Suche nach dem "Phantom". Diese Suche wird von dem russischen Schriftsteller Gaito Gasdanow mit Gedanken, philosophischen Einschüben und parallelen Geschehnissen unterbrochen. Von den vielen Nebenszenen bleiben oft nur Fragmente, offene Geschichten. Und das verleiht dem Roman seine Modernität, seinen existenziellen Charakter. Neben Boxkämpfen, Arbeit und Bekanntschaften werden die Konturen des Phantoms Alexander Wolf immer präziser. Doch in der Zwischenzeit entwirft Gasdanow unruhige, komplizierte Seelenlandschaften mit einem besonderen berührenden Stil. Etwas Unheimliches und Fantastisches haucht zwischen den Zeilen, eine Art schleichende Unruhe, die an Edgar Allan Poe erinnert und die diese Suche nach dem Phantom als unentrinnbar und zeitgleich fatal empfinden lässt. Neben Alexander Wolf bestimmt eine andere Figur das Leben des Erzählers: Jelena Nikolajewna Armstrong, eine Russin, in die er sich verliebt. "Als sie mir das erste Mal zulächelte mit diesem ihrem begierigen, so überraschenden Lächeln, wusste ich bereits, dass sie mein sein würde, sie jedoch wusste es noch früher als ich": Gasdanow schafft es, diese Frau mit den Worten und Gedanken des Ich-Erzählers so zu beschreiben, dass der Leser diese Anziehung zwischen den beiden und das rätselhafte Wesen der Frau förmlich spürt. Als Jelena von einer tragischen Liebesbeziehung in London erzählt, die sie Jahre zuvor hatte, bekommt der Leser ein mulmiges Gefühl. Sie redet von einem Mann, der einmal beinahe erschossen worden wäre. Danach habe ihn nichts mehr wirklich berührt; er sei zum Zyniker geworden. Und so kommt es, dass der Erzähler und das Phantom im Tod und in der Liebe vereint sind. bc Gaito Gasdanow, Das Phantom des Alexander Wolf, Hanser, München 2012, 192 Seiten, 17,90 Euro.