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Wiedergelesen - Lieblingsbücher

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Es ist ein Brief, der die Handlung in Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein” in Gang setzt. Und es sind Briefe, die die ganze Geschichte und das Schicksal der Protagonisten bestimmen.

1940 bringt die Briefträgerin Eva Kluge dem Ehepaar Quangel eine Nachricht von der Front: Der einzige Sohn ist im Krieg gefallen. Als Zeichen des Widerstandes fängt Otto an, Postkarten gegen Hitler zu schreiben und hinterlässt sie in den Treppenhäusern Berlins. "Mütter, der Führer hat meinen Sohn ermordet. Mütter! Der Führer wird auch eure Söhne ermorden!”, steht darauf. Damit wird er zum Alptraum des Gestapo-Kommissars Escherich. Diese Haupthandlung verbreitet sich über 700 Seiten. Zehn weitere Protagonisten mit ihren Geschichten mischen sich im Hauptgeschehen. Hans Fallada schrieb "Jeder stirbt für sich allein” in nur knapp vier Wochen. Es war eine Auftragsarbeit und basiert auf der wahren Geschichte eines Berliner Paares. Als Fallada den Roman 1946 schrieb, war er am Ende. Zerstört von Morphium, Alkohol, Kokain und Schlaftabletten. Ruiniert. Vielleicht weist der Roman deswegen strukturelle und stilistische Mängel auf. Die Charaktere entwickeln sich nicht, sogar die Protagonisten bleiben eher blass. Es gibt Szenen, die sich so lesen, als wären sie geschrieben, weil Fallada ein paar Seiten mehr füllen musste. Trotzdem: Der Leser bleibt gefesselt. Ausgerechnet die Oberflächlichkeit der Protagonisten ermöglicht es dem Leser, sich nicht zu verlieren. Keine inneren Gefühlsgänge, keine Gedanken sind beschrieben, sondern Taten und Dialoge. Fallada zeigt die Welt der Kleinbürger. Mittelpunkt des Romans ist ein Mietshaus am Prenzlauer Berg, wo das Paar lebt. Das Haus stellt die Gesellschaft der Zeit dar. Fallada schildert den alltäglichen moralischen Verfall, der nicht aufgrund einer Ideologie, sondern des Geldes wegen herrschte. Das macht der Autor vor allem auf den letzten 150 Seiten. Hier schildert Fallada mit unübertroffener Gewalt und Präzision die Unmenschlichkeit, die in Gefängnissen, Gerichtssälen und Polizeirevieren herrschte. Aber das ist auch das Lobenswerte an "Jeder stirbt für sich allein” . Die Ehrlichkeit der Darstellung, die trotz aller Mängel immer oberstes Gebot bleibt. Auch wenn es wehtut. Barbara Cunietti Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein, Aufbau Verlag, 704 Seiten, 12,99 Euro