Wiedergelesen - Lieblingsbücher

Es war Paul Austers internationaler Durchbruch: 1987 wurden die Kriminalgeschichten "Stadt aus Glas", "Schlagschatten" und "Hinter verschlossenen Türen" als Trilogie veröffentlicht. Schon in diesem frühen Werk des damals 40-Jährigen zeigt sich die Vielschichtigkeit des nur auf den ersten Blick klassischen Geschichten-Erzählers.

Sein schlichter Schreibstil lässt Raum für die teils komplexen Handlungs- und Gedankenstränge. Und die unterschiedlichen inhaltlichen Ebenen eröffnen mehrere Lesezugänge. Freunde des ruhigen Detektivromans lesen die Trilogie als gute Kriminalgeschichte - wenn auch mit skurrilen Grundsituationen und teils absurd wirkenden Wendungen. New-York-Fans durchstreifen mit den Protagonisten die Metropole. Philosophie-Interessierte finden in den Geschichten Überlegungen zur Frage der menschlichen Identität, des Wesens des Individuums und (Ohn-)Macht von Sprache. Die wohl komplexeste ist die literaturtheoretische Ebene. Welche Funktion haben Autor, Erzähler und Hauptfigur? Und wo steht der Leser? Die Rollen lösen sich auf, die Trennlinien verwischen. In der ersten Geschichte beispielsweise nimmt Daniel Quinn, ein Autor von Kriminalgeschichten, aufgrund einer Verwechslung die Identität eines Privatdetektivs an - mit Namen Paul Auster. Als er irgendwann nicht mehr weiter weiß, sucht er Auster auf - um festzustellen, dass der mitnichten Detektiv, sondern Schriftsteller ist. Wer die Trilogie einmal gelesen und sich auf sie eingelassen hat, schlägt sie wieder und wieder auf. Und entdeckt eine neue Ebene in der dichten Erzählkunst des Autors, Theoretikers, (Sprach-)Philosophen und Detektivs Paul Auster. Ariane Arndt Paul Auster: Die New-York-Trilogie. rororo 2012. 416 Seiten. 9,99 Euro Diese und weitere Kolumnen finden Sie auch im Internet unter www.volksfreund.de/kolumne

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