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Winnetou kehrt zurück – zumindest einen Abend lang. Im Autokino in Trier.

Film : Einmal Apachenhäuptling sein!

Winnetou kehrt zurück – zumindest einen Abend lang. Im Autokino.

Sie hatten den Krieg verloren. Das war die erste bittere Erkenntnis. Als sie umherblickten, wurden sie gewahr, was der Krieg zerstört hatte. Wo sich einst prunkvolle Kirchen und Häuser stolzer Bürger erhoben hatten, waren jetzt nur noch Trümmer und Schutt. Und dann all die Toten! Gewehrkugeln und Bomben hatten ganze Familiengefüge gesprengt, hatten Lücken gerissen, die nie wieder zu schließen waren.

Doch zum Wehklagen blieb keine Zeit. Wo es an allem – Essen, Wohnraum, Arbeitsplätze – fehlte, war kein Platz für Sentimentalitäten. Nur noch die Zukunft zählte, und die musste sofort beginnen. Der Betonmischer lief im Akkord. Quasi über Nacht wurden Mietskasernen und Fabriken, Hochhäuser und Bürogebäude aus dem Boden gestampft. So gelang es den Westdeutschen binnen weniger Jahre eine Ruinenlandschaft in ein Neubaugebiet zu verwandeln.

Doch die Welt, die sie erschaffen hatten, war eine hässliche. Sie bestand aus Zweckbauten, denen jede Heimeligkeit, Geborgenheit und menschliche Wärme – „Geheichnis“, wie man hierzulande sagt – fehlte. Und die Menschen, die darin lebten und arbeiteten, spürten dies. Sie wollten weg vom Stumpfsinn der Fließbänder, von der Monotonie der Aktenordner. Sie sehnten sich nach einer anderen Welt. Wenigstens im Kino.

Dort hatte mit Beginn der 60er Jahre ein Wandel stattgefunden. An die Stelle des braven Heile-Welt-Kitschs, der das Leben in Schwarzwalddörfern und Königspalästen verherrlichte, traten monumentale Epen. Filme wie Ben Hur und Lawrence von Arabien entführten die Zuschauer in vergangene, aufregendere Welten. So wie die Winnetou-Romane von Karl May, die in den 1890er Jahren erstmals veröffentlicht wurden und sich noch immer großer Beliebtheit erfreuten. Der Produzent Horst Wendlandt erkannte, dass die darin beschriebenen Abenteuer perfekte Vorlagen für Filme waren.

Der Drehort stand schnell fest. Das sozialistische Jugoslawien war damals das Hollywood Europas. Die zerklüfteten Landschaften boten die perfekte Kulisse für Sandalenfilme und Western. Auch wusste man im Land von Marschall Tito, wie man Reiter- und Gefechtsszenen inszeniert. Die staatliche Produktionsfirma Jadran Film hatte bereits mehrere biblische und antike Stoffe erfolgreich auf die Leinwand gebracht. Da machte es keinen allzu großen Unterschied, ob man die jugoslawischen Komparsen auf römische Legionäre oder amerikanische Gringos losließ.

Für die Rollen von Winnetou und Old Shatterhand wählte man Pierre Brice und Lex Barker. Beide strahlten jenes internationale Flair aus, das die Bundesbürger vergessen ließ, dass es sich bei den Winnetou-Western um deutsche Produktionen handelte. „Sexy Lexy“ hatte sich zudem als Tarzan-Darsteller einen Namen gemacht.

Auch bei der Wahl des Regisseurs bewies man ein glückliches Händchen. Man verpflichtete den Österreicher Harald Reinl. Als erfahrenem Bergfilmer gelang es ihm, die Landschaft zum heimlichen Hauptakteur des Films zu machen. Die Weite des Wilden Westens (man drehte vornehmlich im heutigen Kroatien und Slowenien) und die satten, knalligen Farben faszinierten die Deutschen. Der Kontrast zur engen, grauen Bundesrepublik hätte nicht größer sein können. Den Rest erledigte Komponist Martin Böttcher. Seine tieftraurige Filmmusik verstärkte jene Sehnsucht, die die farbgetränkten Cinemascope-Bilder weckten – wie gern hätte man den deutschen Reihenhausrasen gegen die Prärie der Indianer getauscht!

So wurden die Winnetou-Filme zu einem Triumph. Mehr als zehn Millionen Kinobesucher sahen 1962 das Debüt „Der Schatz im Silbersee“, ebenso viele im darauffolgenden Jahr „Winnetou – 1. Teil“. Unter Jugendlichen war Pierre Brice derart populär, dass er es bis Ende der 70er auf insgesamt drei Bravo-Starschnitte und zwölf Bravo-Ottos brachte. Dass diese Trophäe seit 1965 die Form eines Indianers hat, ist kein Zufall.

Als Winnetou im 3. Teil starb, trauerte eine ganze Nation. Pierre Brice aber lebte als Winnetou-Darsteller weiter. Er blieb für den Rest seines Lebens Apachenhäuptling – sicher nicht das schlechteste Schicksal.

„Winnetou – 1. Teil“ ist am Samstag, 4. Juli, 20.45 Uhr, im Autokino Carpitol im Trierer Messepark (Moselauen) zu sehen. Karten gibt es nur im Vorverkauf über www.carpitol-trier.de