"Winterbienen": der neue Roman des Eifeler Schriftstellers Norbert Scheuer

Literatur : Einträge und Einschläge

Tagebuch eines Kriegsjahrs: Norbert Scheuers neuer Roman „Winterbienen“ erscheint am heutigen Donnerstag.

Die Eifel im Januar des vorletzten Weltkriegsjahrs 1944: Egidius Arimond, kampfuntauglich wegen seiner Epilepsie, zwangssterilisiert und schon lange aus dem Schuldienst entlassen, hält sich dank seiner Bienenvölker über Wasser, mit dem Verkauf von Honig, Kerzen, Likör und Wein, während amerikanische und britische Bomber über sein Dorf hinwegfliegen. Denn sie haben, zunächst noch, größere Ziele: „In klaren Nächten“, schreibt Egidius in sein Tagebuch, „kann man am Horizont den roten Widerschein brennender Städte sehen.“

Auch Egidius‘ Bruder Alfons ist Kampfflieger, pilotiert eine Messerschmitt 262, denn er wollte schon als Junge (ein Echo aus dem Vorgängerroman „Am Grund des Universums“) ein „Sternenfahrer“ werden. „Dass ich nicht wie andere in eine Anstalt überführt und umgebracht wurde, hing wohl mit der Stellung meines Bruders zusammen“, schreibt Egidius. Alfons ist nämlich ein Fliegerheld, sogar in der „Wochenschau“ war er mit seiner Staffel zu sehen.

Norbert Scheuer, „Winterbienen“, C.H. Beck, 320 Seiten,  22 Euro. Foto: Verlag C.H.Beck

Wie alle Scheuer-Figuren klagt Egidius nicht, sondern erträgt sein Los, erledigt Tag um Tag beharrlich, was zu tun ist. Und er lässt sich auf allerhand Liebeshändel ein, schon das wäre gefährlich genug, weil unter den Frauen auch die Gattin des NSDAP-Kreisleiters ist („Leichtsinn“, sagt er, „ist eben süß“). Vor allem aber rettet er immer wieder Juden über die Grenze. In seinen Bienenstöcken verborgen schafft er sie ins nahe Belgien. Heldenhaft, nur eben von niemandem gerühmt, während Bruder Alfons den Tod bringt.

Schriftsteller Norbert Scheuer. Foto: Fritz-Peter Linden

Wie Scheuer seinen Egidius das schildern lässt, was dieser dabei erlebt, was den Menschen widerfährt und angetan wird, sofern sie doch entdeckt werden, es zerreißt einem das Herz. Und erinnert zugleich daran, dass damals viele Eifeler jüdischen Flüchtlingen über die Grenze halfen. Manche aus Nächstenliebe, andere für Geld.

Wenn Norbert Scheuer – geboren in Prüm, aufgewachsen kreuz und quer durch die Eifel, heute lebt er in Kall-Keldenich – einen Roman mit dem Titel „Winterbienen“ schreibt, dann darf man eines, trotz des romantisch klingenden Titels, nicht erwarten: Landlustprosa, wie man sie in den einschlägigen Magazinen findet, garniert mit Marmeladenrat und Dekovorschlägen, Dorf-Hygge. Und auch kein Landsergeschnarre, selbst wenn die Geschichte im Krieg spielt und Seite um Seite an Spannung gewinnt. Dafür aber findet man darin Sätze, die man sich einrahmen möchte: „Wenn man ihnen (den Bienen im Stock, Anm.) zusieht, ist es, als blicke man in ein träumendes Gehirn.“

Arimond – wieder ein Arimond, wie auch bereits in „Überm Rauschen“ und „Die Sprache der Vögel“ – ist einer der typischen, oft in der Seele versehrten Protagonisten aus dem Eifeluniversum des Autors, dessen geografisches Zentrum immer der Ort Kall bildet. Und wo Norbert Scheuer zwischen Supermarktcafé und den beherrschenden Bauten eines lokalen Möbelgiganten (nehmt dies, Land-Hochglanzmagazinredakteure!) die wundervollsten Geschichten findet und daraus betörende Romane macht, mit zuverlässiger Konstanz.

Anders ist diesmal jedoch die Struktur: Der Roman ist aus Egidius‘ Tagebuchnotizen zusammengesetzt, aus manchmal kurzen, meist nur ein, zwei Seiten langen Einträgen, aus den anfangs noch sachlich-nüchternen Notaten eines Mannes, der versucht, irgendwie durchzukommen. Und nicht den Verstand zu verlieren in dieser furchtbaren Zeit, während Adolf Hitler – von den Eifelern im Buch abschätzig „Jupp“ genannt – seine Ardennen-Offensive plant. In einer Szene wird der Führer, unter dem „Heil“-Geschrei der Zuschauer, per Sonderzug durch den Ort gefahren und macht Bekanntschaft mit Egidius’ geflügelten Mitarbeiterinnen: „Jupp stand mit ernstem, steinernem Gesicht am offenen Fenster des dritten Waggons, den rechten Arm ausgestreckt, mit dem er aber plötzlich wild um sich zu fuchteln begann.“ Man versteht, warum Egidius seine Bienen als seine Verbündeten betrachtet.

Eintrag für Eintrag entwickelt Scheuers neuer Roman seine Tiefe und Dramatik, erst recht, als Egidius die Medikamente auszugehen drohen, mit denen er seine Krankheit unter Kontrolle halten kann, als der Krieg immer näher kommt, die Rettung seiner jüdischen Schutzbefohlenen immer riskanter wird und die Kampfflieger ihre Ladung auch über seinem Dorf abzuwerfen beginnen.

Scheuer erzählt eine Geschichte, die – das kann er also auch – eine immense und beklemmende Spannung entwickelt. Und zum Finale bietet er ein Bild, das der Leser nicht vergessen wird.

Aber danach liefert er noch einen Epilog, in dem er mitteilt, wie er an diese Geschichte kam, wie viel davon er aus der damaligen Wirklichkeit in seinen Roman geholt hat. Da ist man dann gleich doppelt berührt.

Schriftsteller Norbert Scheuer. Foto: Fritz-Peter Linden

Premierenlesung: Donnerstag, 1. August, 19 Uhr, Kunstforum Eifel in Schleiden-Gemünd. Am Donnerstag, 7. November, 19 Uhr, liest Scheuer in der Stadtbücherei Wittlich; am Freitag, 29. November, 19 Uhr, im Weingut Köwerich, Leiwen.

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